Stay Forever - Retrogames & Technik

Transkript

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Henner: Hallo liebe Hörerinnen und Hörer und moin Gunnar.

Gunnar: Tag Hanna.

Henner: Gunnar, wusstest du, dass dein alter Kompagnon und unser gemeinsamer Kollege

Henner: Christian Schmidt noch nie in seinem ganzen Leben auf einer Lahnparty war?

Gunnar: Nein. Nein, ernsthaft?

Henner: Ja, ernsthaft. Ich konnte das auch nicht glauben.

Gunnar: Aber wie peinlich ist das denn?

Henner: Ja.

Gunnar: Ist ja lustig.

Henner: Also, er hat mal im Redaktionsnetzwerk gespielt, aber eine richtige Lahnparty? Nee, fehlt ihm noch.

Gunnar: Das Redaktionsnetzwerk ist fest installiert.

Henner: Ja.

Gunnar: Da wirst du nicht angeraunst, wenn du das Teestück vergessen hast oder so.

Gunnar: Das ist was ganz anderes. Das ist nicht dasselbe.

Henner: Ja, ist eine völlig andere Atmosphäre, genau. Du musst nicht für die Technik

Henner: sorgen, das macht die IT-Abteilung und so.

Henner: Also ich konnte das auch nicht glauben, vor allem, weil ich selbst so eine starke

Henner: Verbindung zur LAN-Party habe, zu diesem Phänomen.

Henner: Ich selbst hatte sogar schon den festen Plan zur LAN-Party und passende Spiele,

Henner: bevor ich überhaupt einen eigenen PC hatte.

Henner: Und ich habe nachgezählt, ich war mittlerweile auf 83 LAN-Partys.

Henner: Also deswegen ist es für mich so schwer vorstellbar, dass man das möglicherweise

Henner: in seinem Leben verpasst haben könnte.

Henner: Und er ist ja nicht der einzige Veteran mit diesem Schicksal.

Henner: Ich habe auch mit anderen gesprochen. Heinrich Lehnhardt zum Beispiel.

Henner: Ich oute die jetzt einfach mal alle.

Henner: Petra Fröhlich, Boris Schneider-Johne, die waren alle nie auf einer LAN-Party.

Gunnar: Was?

Henner: Dabei ist das die allerbeste Weise, Computerspiele zu genießen. Wie ist es denn mit dir?

Gunnar: Ich war natürlich auf Lahnpartys, aber ich zweifle deine Zählung an.

Gunnar: Also du zählst halt auch einfach Lahnpartys nach 1995 noch dazu,

Gunnar: oder? Aber da war ja ein Lahnparty schon durch.

Henner: 95? Wie bitte?

Gunnar: Ja, also bis 95 gab es die coolen LAN-Partys und danach war das ja nur noch

Gunnar: so ein Abgesang. Da kannst du die nicht mehr zählen. Also wie viel hast du vor 95?

Henner: Warte mal, ich zähle mal. Null.

Gunnar: Ah, das ist, glaube ich, mehr. Fünf oder so, glaube ich. Drei vielleicht.

Henner: Okay, es sei denn, Midi-Maze-Partys auf dem Atari ST zählen dazu.

Henner: Aber dazu kommen wir noch, denn eigentlich geht es in diesem ersten Teil dieser

Henner: Folge noch gar nicht um die LAN-Party.

Henner: Jetzt kommt erstmal die ganze Vorarbeit, die wir noch leisten müssen,

Henner: bevor wir über das spannendere Thema sprechen können.

Henner: Im ersten Teil dieses Gesprächs müssen wir erstmal die technischen Grundlagen

Henner: schaffen und darüber sprechen, wie es überhaupt dazu kam, dass Computer miteinander

Henner: vernetzt wurden und insbesondere wie es zur Entwicklung von Ethernet kam, also dem Netzstandard,

Henner: der die Grundlage war für die allermeisten LAN-Partys, auch vor 95.

Henner: Denn das ist ja gar nicht so selbstverständlich, dass Computer sich miteinander

Henner: vernetzen lassen, dass Computer ein Kommunikationsmedium sind im weitesten Sinne.

Henner: Das war nicht von Anfang an so, denn der Computer war ja anfangs eine Rechenmaschine und nicht mehr.

Henner: So ein hochspezialisiertes Gerät, das einen kompletten Raum füllt in einem Labor

Henner: in einer staatlichen Forschungsstätte und so eine Maschine mit einer anderen

Henner: Maschine gleicher Art miteinander zu vernetzen, auf die Idee ist,

Henner: glaube ich, früh niemand gekommen.

Henner: Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, zwei Teilchenbeschleuniger nebeneinander

Henner: zu bauen und miteinander zu vernetzen.

Henner: Das ergibt einfach keinen Sinn und das passierte deswegen erst viel später.

Henner: Aber wir wissen ja alle, dass der wahre Computer der persönliche Computer ist.

Henner: Seine wahre Bestimmung fand der Computer dann auf den Schreibtischen und nicht

Henner: in großen staatlichen Laboratorien.

Henner: Und als persönlicher Computer wurde er dann sehr bald vernetzt mit anderen persönlichen

Henner: Computern, also PCs oder Heimcomputern.

Henner: Und ja, da hat sich erstmal das wahre Potenzial dieser Maschine gezeigt.

Henner: Die kann also viel mehr als nur rechnen. Sie kann sich mit anderen Computern

Henner: vernetzen und gemeinsam kann man dann daran arbeiten.

Henner: Und vor allem kann man gemeinsam daran spielen.

Henner: Und das bringt uns dann im zweiten Teil unseres Gesprächs endlich zur LAN-Party.

Gunnar: Wobei für mich, weil du deine LAN-Party-Erfahrung so groß erwähnt hast,

Gunnar: für mich war die prägende Auswirkung von Ethernet auf mein Leben die vernetzten

Gunnar: WGs in meiner Studienzeit in Göttingen.

Gunnar: Da hatten nämlich Freunde ihre WGs vernetzt, so mehrere Wohnungen in einem Haus

Gunnar: miteinander verbunden und dann wurde halt rumgerufen und dann haben wir zu acht

Gunnar: oder zu zwölft in diesen lokalen Netzwerken gespielt.

Gunnar: Und das war auch schon so ein bisschen wie eine LAN-Party, nur dass es in the

Gunnar: comfort of your own home machen konntest.

Gunnar: Viele von uns sind dann später in der zweiten Hälfte noch spät in Studentenwohnheime

Gunnar: gezogen, obwohl das ja eigentlich andersrum ist.

Gunnar: Normalerweise fängst du ja in einem Studentenwohnheim an und wächst dann da

Gunnar: raus und gehst dann in die coole, hippe WG in der Innenstadt.

Gunnar: Aber bei uns war es oft umgekehrt, weil die Stadt, wo ich studiert habe,

Gunnar: in Göttingen, da gab es so super Studentenwohnheime und die waren oft vorvernetzt.

Gunnar: Dann hatten die später in der Mitte der 90er, hatten die dann halt schon so

Gunnar: fertige Netzwerke da installiert, wo man dann einfach seinen Computer anschließen konnte.

Henner: Ja, fantastisch.

Gunnar: Es war eine fantastische Zeit, sage ich dir. Ja, die beste.

Henner: Da bist du nicht viel zum Studieren gekommen.

Gunnar: Das ist ohnehin ja das Problem mit meiner ganzen Studienzeit.

Gunnar: Ich will nicht sagen, woran es genau lag, aber ich glaube, hauptsächlich lag

Gunnar: es daran, dass ich Computerspiele verkauft habe und dann irgendwie gedacht habe,

Gunnar: naja, ich mache ja schon den ganzen Tag was. Wieso soll ich jetzt doch in die Vorlesung gehen?

Henner: Schon richtig. Sehr schön, dann haben wir die Erwähnung des Computerspiele-Ladens

Henner: jetzt auch schon abgehakt.

Gunnar: Ich habe bestimmt seit mehreren Folgen nicht mehr erwähnt, deswegen dachte ich,

Gunnar: steige ich da nochmal mit ein.

Henner: Finde ich gut, haben auch viele

Henner: bestimmt schon vergessen, kann man gelegentlich mal wieder anbringen.

Henner: Aber wenn wir das jetzt hinter uns haben, können wir endlich richtig ins Thema

Henner: einsteigen. Also es geht um die Vernetzung von Computern und wie das überhaupt angefangen hat.

Henner: Ich habe ja gerade erzählt, dass die allerersten Computer keine vernetzten Geräte

Henner: waren, aber schon ganz frühe Mainframes der 50er Jahre, in denen die sich so

Henner: langsam durchgesetzt haben, also die Großrechner, waren nicht ganz isoliert.

Henner: Die waren nicht mit anderen Mainframe-Rechnern verbunden über ein Netzwerk,

Henner: aber sie ließen sich über mehrere verteilte Terminals von mehreren Nutzerinnen

Henner: und Nutzern gleichzeitig bedienen.

Henner: Diese Terminals, das sind keine eigenständigen Computer, keine PCs wie heute,

Henner: sondern bloße Ein- und Ausgabegeräte, also dumme Geräte ohne eigene Intelligenz,

Henner: ohne eigene Rechenpower.

Henner: Man kann hier also nicht von einem richtigen Computernetz sprechen,

Henner: auch wenn da mehrere Geräte miteinander verbunden sind.

Henner: Aber das sind eigentlich nur am Anfang Teletype-Terminals, also praktisch elektrische

Henner: Schreibmaschinen, über die man die Geräte ferngesteuert hat.

Henner: In den späten 50er Jahren sehen wir dann erste Ansätze der Computervernetzung

Henner: noch nicht über lokale Netzwerke, also über LANs, sondern über Modems,

Henner: also über die Verbindung über größere Strecken.

Henner: Das sind aber in der Regel auch noch meistens Verbindungen von Terminals und

Henner: Fernschreibern mit zentralen Großrechnern, die nur an einem anderen Ort stehen.

Henner: Und in den 60er Jahren, dann beginnen endlich erste Experimente mit echten vernetzten

Henner: Computern, auch lokalen vernetzten Computern, also LARNS im weitesten Sinne.

Henner: Und Pionierarbeit leistet auf diesem Gebiet damals eine Institution in London,

Henner: das NPL, das National Physical Laboratory, also wieder ein Labor.

Henner: Und in dem wird ab 1966 an solch einem Netzwerk geforscht.

Henner: Das dauert ein paar Jahre. 69 sind dann erste Teile dieses lokalen Computernetzes betriebsbereit.

Henner: Da werden aber keine Mainframes miteinander vernetzt, sondern Minicomputer.

Henner: Das sind diese schrankgroßen Rechner, die man damals Minicomputer genannt hat,

Henner: weil sie verglichen mit den Mainframes dann doch etwas kompakter waren,

Henner: aber noch weit entfernt vom modernen PC.

Henner: Das waren so PDP-8-Maschinen von DEC.

Henner: Und diese NPL-Forscher, die dieses frühe Computernetzwerk aufgebaut haben,

Henner: die haben dabei einige Dinge erfunden und eingeführt, die wegweisend waren,

Henner: also die sich auch später noch in moderneren Netzwerken wiedergefunden haben.

Henner: Die haben zum Beispiel das Protokoll erfunden oder den Begriff Protokoll etabliert

Henner: für dieses basale Software-Regelwerk, also die Methode, mit der die Computer

Henner: untereinander Daten übertragen, darauf müssen sie sich ja einigen,

Henner: wie werden die Daten abgeschickt und wie an der anderen Seite entgegengenommen

Henner: und dieses Protokoll definiert das, also diesen Vorgang der Datenübertragung.

Henner: Das wurde hier am NPL entwickelt.

Henner: Sie haben auch einen frühen Vorläufer eines Routers erfunden,

Henner: auch wenn er da noch nicht so hieß.

Henner: Aber vor allem, das ist die wichtigste Innovation des NPL-Netzwerks,

Henner: ist dieses Netz das erste paketvermittelnde Computernetz.

Henner: Da geht es um eine Technik, die heißt im Englischen Packet Switching.

Henner: Und dabei werden größere Datenmengen, also komplexe zu übertragende Daten in

Henner: kleine Pakete zerlegt, die alle voneinander unabhängig sind und jedes Datenpaket

Henner: wird einzeln adressiert.

Henner: Das hat den Vorteil, dass nicht mehr große Daten in einem Stück übertragen werden

Henner: müssen, sondern sie werden in diesen kleinen Päckchen einzeln über verschiedene

Henner: Routen durchs Netzwerk geschickt und am Ziel dann wieder zusammengesetzt.

Henner: Und dieses Switching, das macht Netzwerke sehr robust und sehr effizient und

Henner: unabhängig von festen Leitungen.

Henner: Das heißt, wenn es irgendwo mal eine Kollision gibt oder eine Störung auf einer

Henner: Leitung, dann kann dieses Paket eine andere Route durchs Netz nehmen und am

Henner: Ende trotzdem ankommen.

Henner: Das ist einer der Grundpfeiler von Ethernet und auch vom späteren Internet.

Henner: Aber entscheidend für die Entstehung des Internets ist noch ein anderes frühes

Henner: Computernetz, das Proto-Internet, das ARPANET.

Henner: Das ist ein Weitverkehrsnetz, also kein LAN, für die Verbindung von verschiedenen

Henner: Rechnern an unterschiedlichen Standorten.

Henner: Das sind anfangs verschiedene US-Forschungsstätten und die werden verbunden

Henner: über die Telefonleitung.

Henner: Auch die Entwicklung dauert ein paar Jahre, aber im Oktober 1969 ist es soweit,

Henner: dass erstmals Daten übertragen werden über dieses ARPANET zwischen zwei kalifornischen Universitäten,

Henner: wie überhaupt die meiste Entwicklung in dieser Zeit in Kalifornien stattfindet,

Henner: im späteren Silicon Valley.

Henner: Und zuständig für die Vermittlung zwischen diesen beiden Universitäten,

Henner: zuständig für die Datenübertragung sind die sogenannten IMPs, IMP,

Henner: das steht für Interface Message Processor und das sind die Hauptrechner,

Henner: die das ARPANET aufspannen, also die fürs Routing verantwortlich sind,

Henner: die Hauptknotenpunkte in diesem Netz und an diese einzelnen Knotenpunkte angeschlossen

Henner: sind die einzelnen kleinen Endgeräte.

Henner: Und auch das ARPANET setzt auf die Paketvermittlung.

Henner: Das ARPANET macht also dieses Prinzip im größeren Maßstab salonfähig.

Henner: Vorangetrieben wird das ARPANET. Der Name sagt es ja schon von der ARPA.

Henner: Das ist eine US-Behörde, die gehört zum US-Verteidigungsministerium.

Henner: Wird im Laufe der Jahre immer mal wieder umgenannt. Die heißt dann mal DARPA

Henner: und dann wieder ARPA und dann wieder zurück.

Henner: Ich weiß gar nicht, wie der aktuelle Stand ist, aber damals hieß diese Institution ARPA,

Henner: die finanziert Forschungsprojekte fürs US-Militär und das ARPANET ist ein wesentliches

Henner: Projekt, aber es ist nicht das einzige, denn jetzt kommt für unsere Geschichte

Henner: noch ein weiteres ARPA-Projekt hinzu, das sehr relevant ist für die weitere Geschichte.

Gunnar: Im ARPA-Net und auch beim britischen NPL-Netz ist das Prinzip erstmal noch ziemlich klassisch.

Gunnar: Das sind so feste, exklusive Verbindungen zwischen den angeschlossenen Stationen

Gunnar: und das ist stabil und klar, aber das ist auch aufwendig und unflexibel.

Gunnar: Das ist nicht so besonders elegant, wenn man wachsen will in so einem Netz oder

Gunnar: wenn sich das Netz noch verändern soll. Und dann kommt in den späten 60er Jahren

Gunnar: an der Universität von Hawaii und zwar wieder mit Geld von der ARPA eine radikale Idee auf.

Gunnar: Das unfassbar brillant benannte Aloanet.

Henner: Schön.

Gunnar: Ist kein Scherz, das Aloanet. Ein Funknetz. Und zwar eins, in dem alle Teilnehmer

Gunnar: denselben Übertragungskanal benutzen.

Gunnar: Und das ist der entscheidende neue Gedanke hier.

Gunnar: Das ist ein geteiltes Kommunikationsmedium. Also nicht mehr Punkt zu Punkt,

Gunnar: Leitung für Leitung, Verbindung für Verbindung, sondern ein gemeinsamer Kanal, auf den alle zugreifen.

Gunnar: Ohne zentrale Steuerung, ohne vorherige Abstimmung, wer jetzt wann senden darf.

Gunnar: Im Prinzip kann jeder angeschlossene Rechner jederzeit lossenden.

Gunnar: Und das ist ja erstmal fantastisch, weil es das Netz viel beweglicher macht.

Gunnar: Teilnehmer können dazukommen oder wegfallen und man muss dann nicht gleich die

Gunnar: ganze Infrastruktur umbauen.

Gunnar: Und das ist nicht nur technisch interessant, das ist ja auch ein ganz anderer

Gunnar: Blick darauf, wie so ein Netz überhaupt organisiert sein kann.

Gunnar: Ja gut, das hat natürlich auch einen Haken theoretisch und der liegt auf der

Gunnar: Hand. Wenn zwei Stationen gleichzeitig senden, dann können sie sich ins Gehege

Gunnar: kommen. Das kann eine Kollusion geben zwischen den Paketen auf der Datenautobahn.

Gunnar: Und dann kommt im Zweifel nichts Brauchbares an.

Gunnar: Und die Lösung, die das Aloanet dafür findet, ist fast verblüffend schlicht

Gunnar: und gerade deshalb so brillant. Wenn nämlich ein Paket ankommt,

Gunnar: bestätigt der Empfänger den Empfang.

Gunnar: Kommt keine Bestätigung, gilt das Paket als verloren.

Gunnar: Und dann wartet die sendende Station einfach eine zufällige Zeitspanne und versucht es nochmal.

Gunnar: Und nochmal und nochmal, wenn nötig, so lange, bis es eben klappt.

Gunnar: Und dieser Zufallsanteil in der Zeitspanne, das ist der Trick.

Gunnar: Es sorgt nämlich dafür, dass dieselben zwei Stationen nicht immer wieder gleich

Gunnar: wieder anfangen zu senden und dann wieder neu kollidieren, sondern das Netz

Gunnar: organisiert sich damit selbst. Irgendwann wird schon ein Zeitpunkt kommen,

Gunnar: wo eine Lücke im System ist und wo dann das Paket durchgehen kann.

Gunnar: Das ist nicht perfekt und das ist auch nicht so kontrolliert im klassischen

Gunnar: Sinne, aber es ist robust genug, um in der Praxis gut zu funktionieren.

Gunnar: Und dieses Aloa-Netz, das geht 1971 in Betrieb und verbindet Terminals auf mehreren

Gunnar: Inseln mit dem Hauptrechner der Universität von Hawaii und später wird es sogar

Gunnar: noch an das ARPA-Netz angebunden.

Gunnar: Es bleibt ein relativ kleines Forschungsprojekt, aber die Idee ist halt super

Gunnar: und für unsere Geschichte hier ist sie ziemlich zentral. Wir kommen gleich nochmal auf Aloa zurück.

Henner: Ja, schon wegen dieses schönen Namens. Der ist wirklich toll.

Henner: In den 70er Jahren entstehen weltweit noch weitere Computernetze.

Henner: Also so langsam forschen alle daran.

Henner: In den 70er Jahren beginnen sich ja auch die ersten PCs oder kleinen Mikrocomputer,

Henner: Einzelplatzrechner durchzusetzen.

Henner: Und für die ist das besonders wichtig. Und zu diesen frühen Computernetzen gehören

Henner: noch einige weitere, die wir erwähnen möchten, weil sie technisch relevant sind,

Henner: nicht weil sie interessante Namen hätten.

Henner: Dazu gehören der Cambridge Ring, der stammt von der Universität Cambridge,

Henner: also da hat man nicht so viel Gehirnschmalz in den Namen gesteckt.

Henner: Der arbeitet mit Twisted-Pair-Kabeln, von 1974 ist das.

Henner: Auf den kommen wir auch nochmal später zurück. Und ebenso originell benannt

Henner: das Decknet vom Minicomputerhersteller Deck oder DEC.

Henner: Dieses Netz entsteht 1975. Und das bringt in einer etwas späteren Ausbaustufe,

Henner: also nicht von Anfang an, erstmals eine weitere Idee ins Spiel,

Henner: nämlich Peer-to-Peer-Kommunikation.

Henner: Du hast es ja gerade beschrieben, das Aloanet, das hatte noch einen zentralen

Henner: Hauptrechner. Und die anderen Systeme sind über die Inseln verteilt und sprechen

Henner: alle mit diesem zentralen Hauptrechner.

Henner: Aber das Decknet ist anders aufgebaut, da ist jeder Computer gleichberechtigt.

Henner: Es gibt kein zentrales System, das alles steuern würde, sondern jeder angeschlossene

Henner: Computer berechnet die Datenrouten selbst.

Henner: Es gibt also auch keine Knotenpunkte wie im ARPANET, keine IMPs,

Henner: die das Datenrouting übernehmen, sondern das machen alle gleichberechtigt.

Henner: Das DECnet, das verbindet damals ebenfalls die damals üblichen Minicomputer

Henner: wie den PDP11 zum Beispiel, der von DEC hergestellt wird.

Henner: Und diese PDP-11, die werden schon erstmals vorwiegend als Einzelplatzrechner

Henner: eingesetzt, nicht als Großrechner mit mehreren angeschlossenen Terminals.

Henner: Die sind noch ein bisschen weiter entfernt von den Mikrocomputern,

Henner: also von den richtigen Einzelplatz, den persönlichen Computern.

Henner: Die kommen jetzt aber auch langsam in Mode und solche Geräte werden jetzt auch

Henner: vernetzt und das beginnt 1977.

Henner: Zumindest ist das der Startpunkt der Mikrocomputervernetzung,

Henner: den ich ausmachen konnte in der Recherche.

Henner: Es mag früher schon Experimente in diese Richtung gegeben haben.

Henner: Aber 1977 steht das ArcNet von einer anderen Firma namens Datapoint Corporation.

Henner: Und das ist das erste PC-Netzwerk. Das ist ein Peer-to-Peer-Netzwerk,

Henner: das entwickelt wird, um den Datapoint 2200 mit anderen Datapoint 2200 zu verbinden.

Henner: Das ist ein 1972 eingeführtes Terminal, so wird es damals bezeichnet,

Henner: aber es ist eigentlich schon ein richtiger PC oder ein Proto-PC.

Henner: Der sieht schon sehr modern aus für das Jahr 1972.

Henner: Wir erinnern uns, der IBM PC kommt erst 1981, aber dieser Data Point 2200,

Henner: der nimmt dem schon einiges vorweg.

Henner: Zum Beispiel auch den Intel Prozessor ist nicht der gleiche wie später im IBM

Henner: PC, sondern noch ein 8-Bit-Modell, der 8008.

Henner: Aber das wiederum ist ein früher Vorläufer des späteren x86 Prozessors 8086

Henner: oder 8088, wie er im IBM PC zum Einsatz kommt.

Henner: Klammer zu, es soll hier eigentlich gar nicht um den Datapoint 2200 gehen,

Henner: auch wenn das ein fantastisches Thema ist, über das ich eines Tages durchaus

Henner: gerne mal reden würde. Den ich auch gerne in meiner Sammlung hätte übrigens.

Henner: Gunnar, falls Stay Forever das finanzieren möchte.

Gunnar: Der ist sicher nicht teuer, oder?

Henner: Nein, nein, nein, natürlich nicht. Wir müssen halt jemanden finanzieren,

Henner: der in ein Museum einbricht und so. Aber das findet sich im Darknet.

Henner: Nein, es geht hier um den Datapoint 2200, nur weil er eben der erste vernetzte

Henner: PC ist. Denn ja, dieses ArcNet, das mehrere von diesen Datapoint-Rechnern verbindet,

Henner: kommt der modernen Vorstellung eines richtigen PC-LANs schon sehr nahe.

Henner: Dieser Standard, da ist es noch kein richtiger Standard, aber diese ArcNet-Technik,

Henner: die verbreitet sich auch noch weiter.

Henner: Die wird 1981 zum Beispiel auch von Tandy übernommen.

Henner: Das ist der Hersteller der in den USA sehr beliebten Heimcomputer TRS-80.

Henner: Und auch bei Tandy wird diese Technik also eingesetzt, um mehrere von diesen

Henner: Heimcomputern miteinander zu vernetzen zu lokalen Netzwerken,

Henner: also zu Local Area Networks.

Henner: All das sind verschiedene, zueinander völlig inkompatible Netzwerktechniken.

Henner: Die eine alles verbindende Standardtechnologie Ethernet gibt es noch nicht,

Henner: zumindest nicht den Standard. Die Technologie gibt es schon seit vielen Jahren.

Henner: Das ist eine verworrene Geschichte. Gunnar, erzähl sie uns.

Gunnar: Ja, denn in den frühen 70er Jahren liegen ja jetzt plötzlich viele der entscheidenden

Gunnar: Bausteine, die man in der späteren modernen Netzwerktechnik brauchen wird,

Gunnar: die liegen jetzt hier schon auf dem Tisch.

Gunnar: Wir haben gehört, Paketvermittlung, geteilte Übertragungsmedien,

Gunnar: Peer-to-Peer-Ideen, das ist alles da, aber noch nicht als ein gemeinsames System.

Gunnar: Das ist eine Reihe von Insellösungen, oft gebaut für bestimmte Rechner,

Gunnar: bestimmte Labore, bestimmte Zwecke.

Gunnar: Und genau da liegt das Problem. Die Netzwerktechnik der Zukunft,

Gunnar: die kann ja nicht nur dafür da sein, ein paar Spezialmaschinen zu verbinden.

Gunnar: Die muss mit ganz unterschiedlichen Computerarchitekturen klarkommen.

Gunnar: Wenn das groß werden soll, wenn das irgendwann überall sein soll,

Gunnar: dann braucht es was, was über einzelne Projekte hinausgeht, nämlich einen Standard.

Gunnar: Man braucht immer Standards in der Computertechnik. Und idealerweise braucht

Gunnar: man einen globalen Standard.

Gunnar: Und an dieser Stelle kommt Robert Metcalf ins Spiel, Bob Metcalf auch genannt.

Gunnar: Und der ist 1946 geboren in New York, war technisch interessiert,

Gunnar: schon sehr früh mit einem ziemlich klaren Kurs Elektrotechnik.

Gunnar: 1969 macht er im MIT seinen Bachelor in eben diesem Fach.

Gunnar: 1970 folgt in Harvard ein Master in angewandter Mathematik.

Gunnar: Also im damaligen Verständnis ist das alles schon ziemlich nah an Informatik.

Gunnar: Und dann soll für ihn in der Karriere der nächste logische Schritt kommen, die Promotion.

Gunnar: Also er will seinen Doktor machen. Und Metcalf arbeitet an einer Doktorarbeit

Gunnar: über das ARPANET, also genau über das Thema, das damals praktisch die Zukunft

Gunnar: des Vernetzens markiert. Und das ist nicht nur eine reine akademische Arbeit.

Gunnar: Während er daran schreibt, baut er am MIT einen dieser IMPs auf und schafft

Gunnar: damit dort einen Zugang zum Arpanet.

Gunnar: Und das ist typisch für diese Zeit und auch typisch für Metcalf.

Gunnar: Theorie und Praxis sind hier verschränkt.

Gunnar: 1972 ist seine Dissertation dann fertig. Und jetzt fehlt eigentlich nur noch die Verteidigung.

Gunnar: Am Ende einer Dissertation muss man ja Fragen beantworten. Das ist die sogenannte

Gunnar: Verteidigung. Also formal ist das fast nur noch der Schlusspunkt.

Gunnar: Und der Metcalf schaut sich derweil schon nach Jobs um. Und er landet einen

Gunnar: Treffer, der nicht größer sein könnte.

Gunnar: Er kriegt nämlich eine Anstellung bei Xerox Park. Das ist das berühmte Palo Alto Research Center.

Henner: Ah, da wäre ich auch so gern.

Gunnar: Da wäre jeder gern gewesen zu der Zeit. Und dann kommt der Haken.

Gunnar: Harvard lehnt seine Dissertation ab. Das sei zu praktisch, das sei zu sehr Ingenieursarbeit,

Gunnar: das sei nicht richtig theoretisch.

Gunnar: Und dann muss der arme Metcalf bei Xerox anrufen und sagen, ja,

Gunnar: ich hatte mich doch hier mit so einem Doktortitel beworben, das dauert noch

Gunnar: ein bisschen vielleicht.

Gunnar: Und Xerox sagt, das macht nix.

Gunnar: Und das ist rückblickend ein ziemlich schöner Moment, denn der Metcalf darf

Gunnar: trotzdem anfangen und zwar an eben diesem Park, einem der kreativsten Orte der Commutergeschichte.

Gunnar: Dort kann er dann seine Dissertation noch überarbeiten.

Gunnar: Alles gut, das kommt alles noch, aber erstmal ist er drin.

Gunnar: Im Juni 72 tritt er die Stelle an.

Gunnar: Und das ist gar nicht mal so seine absolute Wunschoption gewesen,

Gunnar: wie er später erzählt hat. Aber die Bedingungen sind wohl spektakulär.

Gunnar: Er kriegt ein sehr gutes Gehalt. Er ist umgeben von Genies, wie er das nennt.

Gunnar: Und er hat vor allem die Freiheit und die Ausstattung wirklich zu forschen.

Gunnar: Und sein erstes Projekt bei Xerox ist dann halt schon fast folgerichtig der

Gunnar: Anschluss ans ARPANET. Das müssen sie jetzt erstmal machen.

Gunnar: Und er hat das ja schon am MIT gemacht. Damit fängt er an.

Gunnar: Aber dabei, Henner, bleibt es ja nicht.

Henner: Ja, mir kommt das so ein bisschen bekannt vor. Ich meine, viele von uns,

Henner: die Nerds sind und immer schon waren, mussten ja in den 90ern Bekannte und Verwandte

Henner: und Freunde und Nachbarn irgendwie ins Internet bringen.

Henner: Wir haben gehört, du kennst dich aus. Kannst du nicht irgendwie mir diesen AOL-Zugang einrichten?

Henner: Und das macht Metcalf hier in den 70ern schon. Der bringt alle möglichen Institutionen ins ARPANET.

Henner: Ist ein bisschen komplizierter gewesen als mit AOL damals. Jetzt kommen wir

Henner: zu einem entscheidenden Datum, das allerdings leider nicht genau überliefert ist.

Henner: Es ist irgendwann zum Jahresende 1972.

Henner: Er arbeitet also schon im Park, aber nebenbei eben auch noch als ARPANET-Installateur

Henner: und irgendwann zum Jahresende 1972 verbringt er eine Nacht bei einem Kollegen,

Henner: bei einem befreundeten ARPA-Manager, schläft er also auf dem Sofa im Wohnzimmer

Henner: und kann nicht einschlafen.

Henner: Und was dann passiert, das kann er gerne mal selbst erzählen.

Henner: Hier hören wir einen Ausschnitt des Computer History Museums,

Henner: das Herrn Metcalf ausführlich interviewt hat.

Einspieler: One day I was visiting ARPA and staying at the home of Steve Crocker,

Einspieler: who was an ARPA program manager.

Einspieler: And I stayed at his house and I slept on his couch in his living room. But I was jet lagged.

Einspieler: But there was a shelf behind this couch and on it were a bunch of books,

Einspieler: including the AFIPS Conference Proceedings, 1970.

Einspieler: So I thought, what a better way to go to sleep. So I open it up and there's a paper. Aloha Network.

Henner: Ja, wir geben es nochmal auf Deutsch wieder. Also um zur Ruhe zu kommen und

Henner: irgendwie in den Schlaf zu finden, sucht er im Bücherregal seines Kollegen nach

Henner: möglichst langweiligem Lesestoff und er findet im Bücherregal auch etwas.

Henner: Ein Papier, das sein Interesse weckt, doch nicht so optimal zum Einschlafen offenbar.

Henner: Das ist die Analyse eines ihm völlig unbekannten Computernetzes der Universität

Henner: von Hawaii. Und zwar wird da beschrieben ein sehr ambitioniertes Funknetz namens Aluanet.

Henner: Da ist es wieder. Und Metcalf kann offensichtlich nicht einschlafen damit.

Henner: Nein, der zieht sich dieses ganze Papier rein.

Henner: Er ist völlig fasziniert von dem, was er da liest. Die Berechnungen der Aluanet-Ingenieure,

Henner: das ist eine Menge Mathematik.

Henner: Und wie er selbst sagt, wegen seiner Vorbildung versteht er diese Mathematik

Henner: auch, diese Formeln, die da aufgeführt sind. Er versteht, was die Ingenieure

Henner: vorhatten mit dem Aluanet, aber er erkennt in ihrer Arbeit auch ein paar wesentliche Probleme.

Henner: Aluanet, du hast es ja beschrieben, dafür entscheidend ist der Einsatz eines

Henner: geteilten Mediums. Also beim Aluanet ist es ein Funkkanal.

Henner: Und ganz entscheidend dafür ist ja, wie so ein Netz mit Datenkollisionen umgeht.

Henner: Wenn ein Paket nicht am Ziel ankommt, was passiert dann?

Henner: Tja, beim Aluanet ist es so, dass es nach einer zufällig bestimmten Zeitspanne

Henner: einfach nochmal verschickt wird, bis es irgendwann mal ankommt.

Henner: Aber für diesen Zufallsfaktor, diese zufällige Zeitspanne, bis ein Resend versucht

Henner: wird, gibt es keine Vorgaben.

Henner: Das haben die Aluanet-Ingenieure nicht vorgesehen.

Henner: Und Metcalf erkennt hier drin ein Problem und er macht sich jetzt daran,

Henner: diese Architektur zu verbessern.

Henner: Ich stelle mir das so vor, dass er dann nachts auf seinem Sofa liegt mit einer

Henner: kleinen Schreibtischlampe vielleicht oder einer Taschenlampe und mit einem Bleistift.

Henner: In diesem Papier rummalt.

Henner: Ja, und Metcalf entwickelt jetzt einige Verbesserungen für dieses System.

Henner: Er ersinnt mehrere Mechanismen, welche vor allem die Auslastung des Netzwerkes mit einbeziehen.

Henner: Und einige seiner Ideen sind wirklich prägend für das spätere Ethernet, das hier entsteht.

Henner: Also eine Idee ist zum Beispiel, dass jeder angeschlossene Rechner,

Henner: der also auf diesem gemeinsamen Übertragungsmedium sendet, das nur tut,

Henner: wenn das Medium gerade frei ist, also wenn der Kanal frei ist.

Henner: Der lauscht also und nur wenn gerade kein Rauschen zu hören ist,

Henner: also wenn kein anderer Computer gerade Daten schickt, dann sendet der angeschlossene

Henner: Rechner seine eigenen Daten.

Henner: Das ist eine Technik, die heißt Carrier Sense oder auf Deutsch Trägerprüfung.

Henner: Wenn jetzt nach seinen Überlegungen, das ist ja alles noch Theorie,

Henner: trotzdem eine Kollision passiert, also weil zwei Computer gleichzeitig entschieden

Henner: haben, dass sie jetzt Daten senden wollen, dann wird ja nach einer zufälligen

Henner: Wartezeit die Sendung wiederholt, aber nach Metcalfs Idee wird diese Wartezeit jetzt variiert.

Henner: Wenn eine Kollision festgestellt wurde zwischen zwei Datenpaketen,

Henner: hat der Sender diese Wartezeit verdoppelt.

Henner: Bei der nächsten Kollision dann erneut verdoppelt und so weiter,

Henner: bis es entweder irgendwann einen Übertragungsabbruch gab oder schließlich die Übertragung glückte.

Henner: Dann wurde die Wartezeit wieder auf Null gesetzt. Und diese Technik heißt Collision Detection.

Henner: Das ist ein ganz wesentlicher Punkt, aber es ist nicht die einzige Verbesserung,

Henner: die Metcalf sich ausdenkt in dieser Nacht oder in den folgenden Tagen und Nächten.

Henner: Dazu kommen wir dann später noch, was das Ethernet alles ausmacht.

Henner: Aber jetzt ist schon klar auf dem Papier, also er rechnet das alles aus,

Henner: dass seine Arbeit, seine Ideen, seine Änderungen die Effizienz dieses Aluanet-Systems

Henner: um mehrere Größenordnungen erhöhen.

Henner: Das heißt, es kommt viel mehr von den verschickten Daten auch tatsächlich an,

Henner: wegen dieser Verbesserungen.

Henner: Und Metcalf ist von dieser Idee so fasziniert und so überzeugt,

Henner: dass er sie auch zum Kern seiner Doktorarbeit macht.

Henner: Die steht ja immer noch aus. Die erste Fassung wurde ja abgelehnt.

Henner: Und jetzt überarbeitet er sie mit genau diesen Überlegungen.

Henner: Und ja, diesmal wird seine Doktorarbeit dann auch akzeptiert.

Henner: Das dauert allerdings noch eine ganze Weile. Und zu dieser Zeit ist seine rein

Henner: theoretische Überlegung auch schon längst in die Praxis umgesetzt worden bei Xerox im Park.

Gunnar: Zur gleichen Zeit arbeiten die Visionäre im Park an einer Maschine,

Gunnar: die man aus heutiger Sicht zu Recht als revolutionär bezeichnen kann, nämlich dem Alto.

Gunnar: Das ist zunächst mal eine Einzelplatzworkstation, also kein Terminal im klassischen

Gunnar: Sinn, das nur an einem Großrechner hängt und Befehle weiterreicht.

Gunnar: Xerox denkt hier schon an das Büro der Zukunft. Ein Computer soll Stift und

Gunnar: Papier ersetzen und vielleicht auch die Schreibmaschine. Was da im Alto angelegt

Gunnar: ist, das ist aus heutiger Sicht verblüffend modern.

Gunnar: Sie haben eine grafische Oberfläche, Maus gesteuert, eine What-You-See-Is-What-You-Get-Ausgabe,

Gunnar: Multitasking, Wechselfestplatte, der Hammer.

Gunnar: Da zeigt sich eine Richtung, der die Branche dann später in großen Teilen folgen

Gunnar: wird und besonders sichtbar ist das bei Apple mit dem Leiser und dem Macintosh.

Gunnar: Die Entwicklung des Alto begleitet.

Gunnar: Bereits 1972 und in manchen Dokumenten wird er damals noch als eine Art Terminal

Gunnar: beschrieben, aber eigentlich ist er von Anfang an mehr als das,

Gunnar: nämlich gedacht als eigenständiges Arbeitsgerät.

Gunnar: Und deshalb entsteht genau hier logisch die nächste Frage, wie verbindet man

Gunnar: denn diese Dinger miteinander?

Gunnar: Denn der Alto soll ja nicht alleine im Raum stehen. Er soll mit anderen Altos

Gunnar: reden können und er soll mit einem Gerät reden können, das am Park parallel

Gunnar: entsteht und mindestens ebenso richtungweisend ist, nämlich dem Laserdrucker.

Gunnar: Und für dieses Problem entwickelt der Park-Informatiker Charles Simony einen

Gunnar: Netzwerk-Prototypen mit einem sehr Park-typischen Namen, SIGNET,

Gunnar: Simony's Infinitely Glorious Network.

Gunnar: Alleine dafür muss man diese Nerd-Gruppe da schon lieben, was die sich ausdenken durften, der Hammer.

Gunnar: Aber der Simony wechselt 1973 auf ein anderes Projekt und zwar auf Bravo.

Gunnar: Das ist eine What You See Is What You Get-Textverarbeitung für den Alto.

Gunnar: Und auch das ist ein historisch sehr folgenreiches Projekt, denn diese Linie

Gunnar: führt über Umwege später bis zu Microsoft Word.

Gunnar: Jedenfalls, Simone ist erstmal raus aus dem Netzwerkthema und Cygnet braucht

Gunnar: einen neuen Verantwortlichen.

Gunnar: Und da kommt wieder der Metcalf ins Spiel. Der Metcalf hat gerade das ARPANET-Interface

Gunnar: für den Park fertiggestellt mit 300 Kilobit pro Sekunde.

Gunnar: Das ist für den Anschluss ans ARPANET völlig okay.

Gunnar: Aber für das, was das Alto-Umfeld intern braucht, reicht das nicht.

Gunnar: Vor allen Dingen der Laserdrucker setzt hier die Messlatte. Der kann nämlich

Gunnar: Daten in Größenordnungen verarbeiten, die höhere Netzwerkgeschwindigkeiten verlangt.

Gunnar: Cygnet ist schon nicht so schlecht, aber für Metcalf ist das nicht die richtige Lösung.

Gunnar: Und er hat das später sehr schön beschrieben. Cygnet hätte wohl zu viele bewegliche Teile gehabt.

Gunnar: Es sei zu komplex, zu viele Spezialkomponenten, zu unflexibel.

Gunnar: Und das lag auch an der Architektur.

Gunnar: Cygnet arbeitet in einer Sterntopologie mit exklusiven Leitungen.

Gunnar: Also die Rechner hängen an eigenen Verbindungen, die in speziellen Räumen zusammenlaufen.

Gunnar: Metcalf nennt diese Räume Rattennester. Man kann das sofort vor sich sehen,

Gunnar: wie er das gemeint hat. Das ist alles völlig klar.

Gunnar: Und Metcalf will genau davon weg. Er will einen ganz anderen Ansatz haben.

Gunnar: Er will kein stark zentralisiertes Netz.

Gunnar: Er will ein verteiltes System, das robuster ist, das einfacher zu erweitern

Gunnar: ist und weniger vom Funktionieren dieser zentralen Knoten abhängt.

Gunnar: Und das Entscheidende ist, er hat zu diesem Zeitpunkt ja schon die zündende

Gunnar: Idee und die passende Vorlage, nämlich das Aloanet.

Gunnar: Und damit ist für ihn klar, in welche Richtung es gehen soll.

Gunnar: Sein neues Netzwerk soll auf einem geteilten Medium basieren.

Henner: Genau, das ist die Lösung für dieses Problem. So verhindert man die Rattennester.

Henner: Und ja, was Metcalf hier plant, ist die Zahl der Kabel und der Leitungen und

Henner: das Chaos maximal zu reduzieren.

Henner: Im Idealfall, so schwebt es ihm vor, soll es eigentlich nur noch ein einzelnes

Henner: Kabel geben, das durch alle Parkgänge verlegt wird.

Henner: Und jeder Alto-Rechner, der in irgendeinem Büro steht, soll sich einfach an

Henner: dieses Kabel andocken können, so seitlich. Das ist natürlich extrem einfach,

Henner: aber das muss man erstmal hinkriegen und daran arbeitet er jetzt.

Henner: Das nennt man auch Bus-Topologie. Das, was du gerade beschrieben hast bei dem

Henner: Cygnet-Design, das ist ja eine Stern-Topologie und bei der Bus-Topologie gibt

Henner: es eben nur noch eine große Linie, eine große Verbindung, an die sich die einzelnen

Henner: Geräte dann seitlich so verbinden.

Henner: Es gibt dann noch eine dritte aufkommende Topologie, die Ringform.

Henner: Wir hörten ja schon vom Cambridge Ring, also da kommt das her.

Henner: Da bildet die Hauptleitung dann einen geschlossenen Kreis. Aber davon erstmal

Henner: wieder ab. Wir sind jetzt beim Bus.

Henner: Der Aufbau ist also klar. Jetzt braucht er nur noch das geeignete Kabel.

Henner: Denn es muss ein Kabel sein.

Henner: Das Aluanet, das hier seine Inspirationsquelle war, das nutzt ja Funktechnik.

Henner: Das geht gar nicht anders, weil das Aluanet ja mehrere Rechner auf mehreren

Henner: Inseln miteinander verbinden sollte.

Henner: Aber hier kommt das nicht in Frage. Dieses Aluanet ist viel zu langsam für das, was sie vorhaben.

Henner: Das schafft an guten Tagen, so beschreibt er das später, 9,6 Kilobit pro Sekunde.

Henner: Das reicht nicht, um den Laserdrucker zu füttern.

Henner: Es muss also ein Kabel sein, aber welches Kabel, das spielt überhaupt keine

Henner: Rolle, da ist er völlig offen.

Henner: Er sagt selbst später in einem Interview, wir hätten Twisted Pair nehmen können

Henner: oder Glasfaser, völlig egal.

Henner: Entscheidend war nur, dass das Medium passiv sein musste, omnipräsent und geeignet

Henner: für die Verbreitung elektromagnetischer Wellen.

Henner: Und den Anstoß dafür, welches Kabel jetzt eingesetzt wird, den gibt ein Park-Kollege,

Henner: der mit ihm dort arbeitet und der Erfahrung hat mit TV-Verkabelung.

Henner: Und mit einer dort üblichen Technik namens Vampire Tap.

Henner: Ja, wir sprechen über Vampire.

Gunnar: Das ist so ein super Name.

Henner: Ja, das ist toll. Gibt überhaupt viele tolle Namen, über die wir heute sprechen

Henner: dürfen. Angefangen bei Aluanet und jetzt sind wir bei Vampiren.

Henner: Jetzt könnten wir eigentlich kurz Rahel dazu schalten, dass sie uns was über Vampire erzählt.

Henner: Ja, Vampire Tap oder Vampir bis Vampiranzapfung. Der Name ist hier wirklich

Henner: Programm. Wir haben ja gerade beschrieben, das Busnetz, das er hier aufbaut,

Henner: besteht aus einem sehr langen, sehr dicken Kabel, das durch alle Gänge gelegt wird.

Henner: Will sich jetzt ein Drucker oder ein Rechner in dieses Netzwerk einklinken?

Henner: Wie macht er das? Nun, er beißt sich darin fest.

Henner: Da wird ein kleines Gerät angedockt, ein Transceiver, ein kleines Kästchen und

Henner: dieses Kästchen lässt sich aufklappen und dann kommt etwas zum Vorschein,

Henner: nämlich ein entscheidender Mechanismus, ein kleiner Metalldorn, ein kleiner Zahn.

Henner: Und klappt man dieses Kästchen jetzt über dem großen Hauptkabel zu,

Henner: dann bohrt sich dieser Metallzahn in den Kabelmantel rein.

Henner: Okay, streng genommen muss man vorher noch ein bisschen mit einer echten Bohrmaschine

Henner: vorbohren, aber dann kann man dann diesen Transceiver da eindocken.

Henner: Dieser Zahn, dieser Metalldorn, der bohrt sich also in den Innenleiter und kontaktiert

Henner: ihn und kann auf diese Weise dort Daten abgreifen oder auch selbst welche senden.

Henner: Das wirkt ziemlich martialisch und das ist auch nicht unproblematisch,

Henner: denn es ist gar nicht so einfach, die richtige Dorntiefe oder Bisstiefe zu finden und zu ermitteln.

Henner: Denn wenn der Dorn nicht tief genug im Innenleiter sitzt, dann kriegt er keine Signale ab.

Henner: Aber wenn er zu tief drin sitzt, dann blockiert er die oder reflektiert die

Henner: ankommenden Signale. Da müssen sie also eine Weile experimentieren,

Henner: bis sie die richtige Tiefe ermittelt haben.

Henner: Warum machen sie das so? Nun, dieser Vampire-Tab hat einen großen Vorteil,

Henner: nämlich wenn ein Computer angedockt werden soll, also ein neuer Alto in ein

Henner: Büro einzieht und an diesem großen Park-Netzwerk teilhaben soll,

Henner: dann muss dafür die Leitung nicht aufgetrennt werden.

Henner: Man muss das Kabel nicht zerschneiden, um den Computer einbinden zu können,

Henner: sondern man kann ihn einfach andocken und auf die Weise natürlich auch Rechner

Henner: wieder aus dem Netz rausnehmen oder Drucker oder was auch immer vernetzt werden soll.

Henner: Nun diese Technik, diese Vampire-Tab-Technik, die hat eine bestimmte technische

Henner: Voraussetzung an das Kabel.

Henner: Sie braucht einen massiven, zentralen, verlaufenden Innenleiter im Kabel.

Henner: Also man kann sie nicht einsetzen bei verdrillten Kabeln, bei Twisted-Pair-Kabeln,

Henner: wie wir sie heute kennen von Ethernet-Netzwerken oder Glasfaserleitungen.

Henner: Die mögen das auch nicht, wenn man da rein sticht.

Henner: Und so fällt die Entscheidung zugunsten eines Koaxialkabels.

Henner: Die kennt man auch aus der TV-Technik und aus anderen Bereichen.

Henner: Metcalf ist allerdings, sagt er selbst von sich, nicht der große Handwerker.

Henner: Also bei den ganzen handwerklichen Kabelarbeiten, die jetzt anstehen,

Henner: beim Abisolieren von Kabeln, beim Crimpen und Löten und Zubeißen,

Henner: bekommt er zum Glück Hilfe von einem weiteren Kollegen, David Box.

Henner: Das ist eine ganz zentrale Figur und einer der Miterfinder von Ethernet.

Henner: Der hat ebenfalls Erfahrung mit Fernsehtechnik und auch mit Amateurfunk.

Henner: Und das bringt ihm jetzt eine Menge bei der gemeinsamen Entwicklung von Ethernet.

Henner: Und zusammen experimentieren Metcalf und Box jetzt also mit einem langen Kuachskabel.

Henner: Der beschreibt das so, dass sie in den Keller des Parks gehen und dort ein gigantisches

Henner: Kabel zum Testen verwenden, das eine Gesamtlänge hat von einer Meile oder einem Kilometer.

Henner: Metcalf sagt selbst, er weiß es nicht mehr so genau, aber es ist extrem lang.

Henner: Sie nehmen also dieses ewig lange aufgewickelte Kabel und sehen einfach mal,

Henner: was passiert, wenn sie am einem Ende ein Signal hineinschicken,

Henner: ob am anderen Ende auch was rauskommt, was sich auslesen oder verstärken und dann verwenden lässt.

Henner: Und so ist es auch. Es kommt ein Signal an.

Henner: Ganz erfreut stellen sie also fest, ja, das kann so funktionieren.

Henner: Und auf dieser Basis entwickeln sie also Ethernet.

Henner: Das heißt, die Grundlagen für Ethernet sind gelegt.

Henner: Aber zu dieser Zeit heißt es ja noch gar nicht so. Zu dieser Zeit hat das noch

Henner: keinen finalen Namen oder heißt Alouanet Park oder wie auch immer.

Gunnar: Oder Xerox-Netz.

Henner: Ja, oder so.

Gunnar: Genau. Was kann das Xerox-Netz denn jetzt eigentlich konkret?

Gunnar: In der ersten Generation, da verbindet es bis zu 256 Stationen und erreicht

Gunnar: knapp 3 Megabit pro Sekunde.

Gunnar: Genauer 2,94 Megabit.

Gunnar: Diese etwas krumme Zahl ist kein theoretisch errechneter Wert,

Gunnar: das ist ein sehr praktisches Ergebnis der Hardware-Realitäten.

Gunnar: Die leitet sich nämlich von der Systemuhr des Altur ab, also von dem Takt,

Gunnar: mit dem der Rechner ohnehin läuft.

Gunnar: Metcalf und Box haben auf ihren frühen Internetkarten schlicht keinen Platz

Gunnar: mehr für den eigenen Zeitgeber, der das Signaltiming steuert.

Gunnar: Und Metcalf sagt später sinngemäß, wer weiß, auf welche Geschwindigkeit wir

Gunnar: sonst gekommen wären, wenn da noch Platz gewesen wäre.

Gunnar: Naja, das ist überhaupt ein schönes Motiv für diese frühe Phase.

Gunnar: Dieser Net entsteht nicht so als so ein Lehrbuchsystem, sondern als so eine

Gunnar: Mischung aus klugen Ideen, Experimenten und sehr konkreten technischen Zwängen,

Gunnar: die gelöst oder umgangen werden müssen.

Gunnar: Und einige seiner Eigenschaften nimmt das Xerox-Netz ja dann aus bereits bestehenden

Gunnar: Ansätzen und andere sind wiederum echte Neuerungen. Also zum Beispiel diese

Gunnar: Paketvermittlung, die haben wir ja schon erwähnt, dass die Daten in Pakete erlegt

Gunnar: werden können, die jeweils adressiert werden können.

Gunnar: Diese Idee kommt aus der frühen Netzforschung, insbesondere vom NPL-Netz und

Gunnar: Metcalf sagt später ziemlich offen, vom ARPANET, da haben sie auch kräftig gelernt

Gunnar: oder in seinen Worten gelernt.

Gunnar: Und dann die wichtigste Grundidee für unsere Geschichte, das ist das geteilte Medium.

Gunnar: Ethernet nutzt zunächst ein Koaxialkabel, also kein Funk wie beim Aloanet,

Gunnar: aber der entscheidende Gedanke ist derselbe, alle Teilnehmer teilen sich ein

Gunnar: gemeinsames Übertragungsmedium.

Gunnar: Und der Unterschied ist, beim Aloanet funken die Stationen zu einer Basisstation,

Gunnar: während Ethernet im lokalen Netz erstmal nach einer Art Broadcast-Prinzip arbeitet,

Gunnar: also mit Datenpaketen, die auf dem gemeinsamen Medium für alle sichtbar sind.

Gunnar: Und auch das Verhalten bei Kollisionen erinnert an Aloa. Wenn zwei Stationen

Gunnar: gleichzeitig senden und die Signale sich in die Quere kommen,

Gunnar: dann wartet man und macht es nochmal.

Gunnar: Der Clou bei Ethernet ist aber diese Verfeinerung. Bei hoher Last wird die Wartezeit

Gunnar: nach Kollisionen direkt angepasst.

Gunnar: Und das macht das Ganze deutlich robuster, wenn viel Verkehr auf dem Netz ist.

Gunnar: Und dann kommen die Dinge, die Ethernet wirklich zu Ethernet machen.

Gunnar: Das Netz horcht vor dem Senden auf das Medium.

Gunnar: Ist da gerade Verkehr? Kann ich jetzt senden? Und wenn da doch eine Kollision

Gunnar: erkannt wird, dann wird die Übertragung abgebrochen.

Gunnar: Und dieses Zusammenspiel aus dem Carrier Sense und der Collision Detection ist

Gunnar: eine der ganz zentralen Innovationen dieses Systems.

Gunnar: Dazu kommt eine frühe Form von Schichtenbildung. Ethernet trennt anfangs zwischen einer unteren,

Gunnar: physischen Schicht, bei Xerox gerne als Ida-Schicht gedacht,

Gunnar: also alles rund ums Übertragungsmedium, und einer darüber liegenden Paketschicht,

Gunnar: die sich um Aufteilung und Adressierung kümmert.

Gunnar: Das ist noch nicht das spätere Lehrbuchmodell in Reinform, aber es zeigt schon

Gunnar: sehr klar in diese Richtung.

Gunnar: Und dann kommt was, was uns bis heute begleitet, die MAC-Adresse.

Gunnar: Jedes Gerät bekommt eine feste, weltweit eindeutige 48-Bit-Adresse.

Gunnar: Diese Form der Geräteadressierung wird später zum Standard in allen Ethernetnetzen

Gunnar: und die Wurzeln liegen in dieser ersten Implementierung bei Xerox.

Gunnar: Also kurz gesagt, in diesem Xerox-Netz, da steckt schon erstaunlich viel drin

Gunnar: von dem, was das Ethernet später groß macht.

Gunnar: Nur ist es zu dem Zeitpunkt halt noch kein Weltstandard, sondern nur erstmal

Gunnar: eine sehr gute Lösung, eine Einzellösung an einem sehr besonderen Ort.

Gunnar: Wenn daraus mehr werden soll, wenn das über Xerox hinausgehen soll,

Gunnar: dann braucht das Netz vor allen Dingen jetzt erstmal einen schönen Namen.

Henner: Ja, ich weiß nicht, ob Metcalf einen Namen findet, der so schön ist wie Aluanet

Henner: oder wie das Infinity Glorious Network. Aber ich finde, er hat auch ein ganz

Henner: gutes Händchen für die Namensfindung.

Henner: Dieser Name wird geprägt am 22.

Henner: Mai 1973. Deswegen gilt das auch oft als der Geburtstag von Ethernet.

Henner: Denn an diesem Tag verfasst Metcalf parkintern ein Memorandum,

Henner: ein Schreiben, in dem er sein geplantes Netzwerk skizziert.

Henner: Und er schreibt darin, Zitat, wir

Henner: planen den Bau eines sogenannten Broadcast-Computer-Kommunikationsnetzes.

Henner: Ähnlich wie das Alor-Funknetz, aber spezialisiert auf die Minicomputer-Kommunikation

Henner: innerhalb von Gebäuden.

Henner: Und in diesem Dokument kommt eben auch der Name vor. Der lautet nicht Coax-Netz

Henner: oder Xerox-Netz oder so.

Henner: Wie er auf den Namen Ethernet kommt, das kann er mal selbst erzählen.

Einspieler: I decided that Ethernet would work on any medium.

Einspieler: All we required was that the medium be passive, omnipresent,

Einspieler: and a medium for the propagation of electromagnetic waves.

Einspieler: It could be coax, it could be twisted pair. So instead of calling it coaxnet,

Einspieler: I wanted to think of something more abstract than that.

Einspieler: And I remembered from freshman physics at MIT about the Michelson and Morley

Einspieler: experiment in which these two scientists proved dass die Luminiferous Ether nicht existiert.

Einspieler: Und was das Luminiferous Ether war? Es war omnipresente, komplett passiv,

Einspieler: und es war als ein medium für die Propagation von Elektromagnetik Waves. Ta-da! Ethernet.

Henner: Er schreibt weiter in diesem Memorandum, auch wenn wir am Ende vielleicht Koaxialkabelbäume

Henner: verwenden, erscheint es klug,

Henner: so lange wie möglich von einem Äther statt von dem Kabel zu sprechen.

Henner: Das hält es allgemein und wer weiß, welche anderen Medien sich für ein Datennetz

Henner: als besser erweisen könnten.

Henner: Vielleicht Funk, Telefonleitungen oder Stromverkabelung.

Henner: Also das Netzwerk, das er hier entworfen hat, soll möglichst Trägermedien-agnostisch

Henner: sein, auf allen möglichen Trägermedien funktionieren und deswegen hält er das

Henner: möglichst nebulös und entscheidet sich für diesen Namen Äther, zu Englisch Ether.

Henner: Was ist überhaupt der Äther? Den gibt es eigentlich gar nicht,

Henner: aber das ist ein Konzept, über das schon spekuliert wird seit vielen Jahrhunderten

Henner: und Metcalf kennt das aus seinem Studium.

Henner: Das ist eine hypothetische Substanz und die wurde mal im 17.

Henner: Jahrhundert postuliert als ein alles durchdringendes, unsichtbares Medium für

Henner: die Ausbreitung von Licht.

Henner: Wie kommt man auf sowas? Nun, man hat beobachtet, dass Schallwellen ja auch

Henner: ein Trägermedium brauchen, um sich auszubreiten.

Henner: Die Luft oder das Wasser, Schallwellen, reisen nicht einfach so durchs All,

Henner: weil es dort keine Luft gibt und kein Trägermedium.

Henner: Deswegen, so die Annahme damals, und das klingt auch ganz plausibel,

Henner: müsste ja Licht, das nachweislich auch durchs Weltall von der Sonne zu uns reisen

Henner: kann, ebenfalls irgendein Trägermedium haben.

Henner: Eine Trägersubstanz. Die können wir nicht sehen und nicht nachweisen,

Henner: aber sie wurde postuliert.

Henner: Man hat angenommen, sie müsste es geben und die hat man Äther genannt.

Henner: Und dieser Name wiederum, den hat man sich nicht im 17. Jahrhundert ausgedacht,

Henner: der ist viel älter. Der geht zurück auf eine griechische Gottheit namens Aiter.

Henner: Das ist die Personifikation des Himmels als Sitz des Lichtes.

Henner: Und später hat auch Aristoteles diesen Namen aufgegriffen und auch eine Substanz

Henner: postuliert. ein angenommenes fünftes Element, eine masselose himmlische Substanz.

Henner: Das ist also die Herkunft dieses Namens und diesen Namen borgt sich Metcalf

Henner: jetzt aus für seine Erfindung.

Henner: Auch wenn dieser Äther, wie gesagt, gar nicht existiert, diese Äther-Theorie

Henner: wurde verworfen rund um das Jahr 1900 in einigen Experimenten.

Henner: Und dabei hat man festgestellt, Lichtwellen brauchen überhaupt kein Trägermedium.

Henner: Das geht auch ohne. Also gibt es keinen Ether.

Henner: Aber trotzdem, dieser Name scheint Metcalf damals passend.

Henner: Denn er fragt, was war der Ether? Nun, er war omnipräsent, vollständig passiv

Henner: und diente als Medium für die Ausbreitung elektromagnetischer Wellen. Tada!

Henner: Ethernet. Das ist sein Name und so kennen wir es auch noch heute.

Henner: Auch wenn er damals Ethernet noch mit Bindestrich schreibt. Der ist dann irgendwann weggefallen.

Gunnar: Das Konzept, das Metcalf und Box da entwerfen, mit diesem wirklich sehr schönen

Gunnar: Namen, ist übrigens keineswegs von Anfang an unumstritten.

Gunnar: Im Park gibt es durchaus Widerspruch. Ein Physiker-Kollege namens Bob Beckerack,

Gunnar: der schreibt im März 1974 ein kritisches Memo über den Entwurf und sagt sinngemäß,

Gunnar: da sei nichts wirklich Neues drin und beim genauen Hinsehen würde sich schon

Gunnar: zeigen, dass das System ein Fehlschlag sei.

Gunnar: Das ist ein ganz ordentlicher Verriss unter Kollegen hier.

Gunnar: Viele Jahre später hat Beckrack allerdings gesagt, naja, er hat sich nur auf

Gunnar: eine sehr frühe Version bezogen, in der noch wichtige Mechanismen zur Kollisionserkennung gefehlt hätten.

Gunnar: Und nach einem Gespräch mit Metcalf und Box, so seine Version,

Gunnar: hat man dann seine Einwände aufgegriffen und das Ethernet sei dadurch besser geworden.

Gunnar: Der Metcalf sieht das komplett anders. Der nennt diese Darstellung später eine

Gunnar: komplette Halluzination und Beckrack einen Idioten. Also auch in der Frühgeschichte

Gunnar: des Internet gibt es bereits das, was man aus der Computergeschichte kennt.

Gunnar: Technische Debatten, Eitelkeiten und Erinnerungen, die Jahrzehnte später nicht

Gunnar: mehr ganz deckungsgleich sind.

Henner: Ja, wir müssen dazu sagen, vieles, was wir heute erzählen, basiert auf den Worten Metcalfs selbst.

Henner: Der hat sich halt sehr viel an vielen Stellen und Gelegenheiten dazu geäußert.

Henner: Er wurde oft interviewt und gerne.

Henner: Das heißt, seine Darstellung ist die Grundlage unserer Darstellung.

Henner: Und es mag da andere Ansichten geben und Bob Beckerack ist ein Beispiel dafür.

Gunnar: Im Park selbst setzt sich das Ethernet dann aber erstaunlich schnell durch.

Gunnar: Im November 73 ist es einsatzbereit und dann verbindet es nach und nach die

Gunnar: sich ausbreitenden Alto-Computer.

Gunnar: Die ersten beiden angebundenen Systeme bekommen die Spitznamen Mickelson & Morley,

Gunnar: benannt nach den Forschern, die 1887 experimentell gezeigt haben,

Gunnar: dass es den physikalischen Äther so gar nicht gibt.

Gunnar: Und das ist auch wieder so ein schönes Park-Detail, ja, selbst die Rechnernamen

Gunnar: sind schon wieder ein Insider-Joke.

Henner: Ja, nerds eh.

Gunnar: Toll. Aus zwei Rechnern werden bald fünf und dann zehn.

Gunnar: Und die ersten Altos, die ab März ausgeliefert werden, müssen noch ohne Netzwerkverbindung

Gunnar: auskommen. Aber das ändert sich dann schnell.

Gunnar: Ethernet wird am Park ziemlich rasch zum Standard.

Gunnar: 76 sind da schon rund 200 Altos im Einsatz. Und am Ende werden es ungefähr 2000

Gunnar: auch außerhalb des Park.

Gunnar: Und jetzt sieht man, warum das so wichtig ist. Diese Rechner hängen ja nicht irgendwie zusammen.

Gunnar: Die Altos greifen über Ethernet auf Dateiserver zu. Die schicken sich E-Mail.

Gunnar: Die senden Druckaufträge an die schönen neuen Laserdrucker.

Gunnar: Der erste Prototyp eines dieser Drucker trägt sogar Ethernet im Namen. Der heißt nämlich EARS.

Gunnar: Ethernet Auto Research Character Generator Scanning Laser Output Terminal.

Henner: Supername.

Gunnar: Ein Name wie ein Scherz und ein Programm. Es ist erstaunlich,

Gunnar: was sie da gemacht haben.

Gunnar: Aber genau hier zeigt sich auch die eigentliche Bedeutung der Vernetzung,

Gunnar: weil die digitale Arbeit wird aus der Isolation des Einzelplatzrechners rausgeholt.

Gunnar: Der Computer ist nicht nur ein Gerät auf einem Schreibtisch wie eine Schreibmaschine,

Gunnar: sondern Teil eines gemeinsamen Arbeitsraums. Dateien, Texte,

Gunnar: Ausdrucke, Nachrichten, alle das wird plötzlich kooperativ.

Gunnar: Und natürlich bleibt das nicht nur bei der Arbeit. Wie immer,

Gunnar: wenn Menschen ein neues Kommunikationssystem bekommen, dann nutzen sie es sehr schnell auch privat.

Gunnar: Und bald organisieren sich über

Gunnar: das Xerox-Netz auch interne Gruppen zu gemeinsamen Hobbys und Interessen.

Gunnar: Und auch das ist schon ein Vorgeschmack auf vieles, was später in Netzwerken

Gunnar: ganz normal wird. Und sogar die Wartung profitiert.

Gunnar: Denn RAM-Chips sind zu der Zeit noch ziemlich störeinfällig.

Gunnar: Und wenn einer ausfällt, dann meldet eine Diagnose-Software den Fehler automatisch

Gunnar: übers Netz, inklusive der Information, welcher Alto betroffen ist,

Gunnar: in welchem Slot der Baustein sitzt und an welcher Position.

Gunnar: Und das erspart den Admins Zeit, Nerven und Sucharbeit.

Gunnar: Also kurz gesagt, Internet ist bei Xerox nicht nur eine clevere technische Lösung

Gunnar: für Nerds, das wird sehr schnell zu einem validen Produktivitätswerkzeug im Alltag.

Gunnar: Und es bleibt nicht lange auf die Xerox-Büros beschränkt.

Henner: Ja, das kann ich bestätigen. Der Rechner, an dem ich gerade sitze,

Henner: hängt auch mit einem Ethernet-Kabel im Internet.

Gunnar: Na sowas.

Henner: Aber an Xerox liegt das nicht. Die sind nicht so gut darin, ihre Technologien

Henner: auch in Produkte umzumünzen und auf den Markt zu bringen.

Henner: Das frustriert auch Metcalf. Der arbeitet erstmal weiter an Ethernet.

Henner: Naja, erstmal muss er seine Doktorarbeit fertigstellen, aber dann arbeitet er

Henner: weiter an Ethernet. Das wird 1975 auch zum Patent angemeldet.

Henner: Aber der ist ja ein Tausendsasser, der arbeitet im Park auch an anderen Projekten, zum Beispiel dem Star.

Henner: Das ist ein Computer, ein PC, der Elemente von dieser revolutionären Alto-Workstation

Henner: endlich mal kommerzialisieren soll, was dann auch fast ein Jahrzehnt nach dem

Henner: Entwicklungsstart des Altos passiert.

Henner: Denn ja, ich sagte es schon, Xerox ist damals nicht so gut darin,

Henner: das, was im Park entsteht, in Produkte umzuwandeln, von denen man profitieren

Henner: könnte, mit denen man durchaus Geld verdienen könnte.

Henner: Das machen dann ja in der Regel andere, so wie Apple mit dem GUI zum Beispiel.

Henner: Also Xerox scheitert immer wieder daran und das trifft auch Ethernet.

Henner: Wir hören hier mal kurz einen Werbespot, wahrscheinlich aus den späten 70er

Henner: Jahren, ganz genau konnte ich das nicht ermitteln, in dem Xerox mit dem Ethernet

Henner: wirbt, obwohl man das noch gar nicht kaufen kann, obwohl das noch eine intern

Henner: eingesetzte Technik ist.

Einspieler: This is the Ethernet cable.

Henner: Ja, unverkennbar 70er Jahre, dieser Sound. So was hat Xerox immer wieder gemacht.

Henner: Es gibt auch Werbespots, die den Alto präsentieren.

Henner: Ein Gerät, das man nie kaufen kann. Also das ist nicht viel mehr als Imagepflege,

Henner: aber wirtschaftlich ziemlich unsinnig. Nun, dieses Ethernet ist ja zur Mitte

Henner: der 70er Jahre, wie gesagt, schon zum Patent angemeldet und durchaus marktreif.

Henner: Man könnte das auf den Markt bringen, aber Xerox tut es nicht.

Henner: Xerox bleibt untätig und Metcalf wird dadurch frustriert und er sagt selbst

Henner: in einem Interview 1976 waren wir zweieinhalb Jahre von der Auslieferung entfernt.

Henner: Also das war das, was das Management ihm gesagt hat. Und 1978 waren wir zweieinhalb

Henner: Jahre von der Auslieferung entfernt, also nicht weitergekommen.

Henner: Und Metcalf wird langsam ungeduldig und schmiedet eigene Pläne.

Henner: Er sagt, er ist nicht mehr so.

Henner: Beschloss, meine kaufmännischen Ambitionen zu verfolgen und verließ Xerox.

Henner: Genau genommen hat er in der Zwischenzeit schon mal Xerox verlassen,

Henner: ist dann aber wieder zurückgekommen.

Henner: Nun, jetzt also verließ er Xerox endgültig zum Ende der 70er Jahre.

Henner: Aber es ist oft zu lesen, er hätte jetzt sofort 3Com, also seine eigene Firma

Henner: gegründet und angefangen, Ethernet-Produkte zu verkaufen. Das,

Henner: was Xerox selbst ja nicht tut.

Henner: Aber das passiert jetzt noch nicht. Das kann er noch gar nicht,

Henner: weil ja alle Patentrechte nicht bei ihm persönlich liegen, sondern bei Xerox.

Henner: Die halten da den Finger drauf.

Henner: Stattdessen macht er was anderes. Er ist ein Beratungsunternehmen,

Henner: ein Ein-Mann-Unternehmen, das andere Firmen dabei berät, eigene Netzwerktechniken

Henner: zu entwickeln oder ihre eigenen Firmen auf Netzwerktechnik umzustellen.

Henner: Und sein allererster Kunde ist ein alter Bekannter, das MIT,

Henner: das gerade versucht, unterschiedliche Netzwerke zu einem zu kombinieren.

Henner: Und darunter ist auch ein Ethernet, das von Xerox gestiftet wurde,

Henner: ein Alto-Ethernet-Netzwerk, das mit anderen Netzwerken miteinander verbunden werden soll.

Henner: Also die Ethernet-Technik schafft es hier und da schon rauszukommen aus dem

Henner: Park, aber eben nicht auf kommerziellem Wege, sondern durch Stiftungen an Universitäten.

Henner: Metcalf, der ist sehr umtriebig, der ist selbst natürlich sehr gut vernetzt.

Henner: Lustig. Und der gewinnt sehr schnell weitere Kunden für seine Beratungstätigkeit.

Henner: Und einer dieser Kunden ist ganz entscheidend für die Zukunft von Ethernet.

Henner: Von dem hörten wir heute auch schon. Das ist DEC oder DEC, der Minicomputerhersteller.

Henner: Der hat ja eigentlich schon sein eigenes Netzwerk, das DECnet.

Henner: Aber der Name war wohl zu langweilig. Deswegen suchen die im Frühjahr 79 was

Henner: Neues. Die Technik für ein neues, ambitioniertes Netzwerkprojekt.

Henner: Die erwägen auch Ethernet zu übernehmen oder einzusetzen für die Vernetzung

Henner: ihrer Minicomputer, aber Ethernet gehört ja nun mal Xerox, da kommen sie also nicht ran.

Henner: Sie fragen also Metcalf, den Ethernet-Erfinder, könntest du da nicht vielleicht

Henner: was ähnliches entwickeln, was so funktioniert wie Ethernet, aber vielleicht

Henner: anders heißt, ohne die Xerox-Patente zu verletzen?

Henner: Aber Metcalf, der ist clever und er lehnt ab.

Henner: Er hat nämlich einen viel besseren Vorschlag. In gewisser Weise Vernetzung.

Henner: Vernetzung mit anderen Unternehmen.

Gunnar: Denn warum arbeitet DEC nicht einfach mit Xerox zusammen?

Gunnar: Das liegt ja auf der Hand. DEC hat die Minicomputer, Xerox hat mit Alto und

Gunnar: Laserdrucker ein hochmodernes Büro-Ökosystem und Ethernet könnte beides verbinden.

Gunnar: Das wäre eine klare Win-Win-Situation.

Gunnar: Xerox ist auch grundsätzlich offen dafür. Man plant da auch ein Treffen und

Gunnar: dann passiert so ein Metcalf-Move.

Gunnar: Es bleibt nämlich nicht bei zwei Parteien, die sich da treffen.

Gunnar: Und der, wie du eben schon sagtest, hervorragend vernetzte Metcalf,

Gunnar: der weiß sehr genau, wer in seiner Branche was gerade sucht.

Gunnar: Und er bekommt mit, dass Intel nach konkreten Produktideen für einen neuen Fertigungsprozess fahndet.

Gunnar: Und Metcalf sagt denen im Grunde, ich hab da was für euch, baut doch Ethernet-Controller-Chips, hm?

Gunnar: Und steigt gleich mit in dieses Gespräch mit Xerox und DEC ein,

Gunnar: das sich gerade vorbereitet. Wie wäre das?

Gunnar: Metcalf vermittelt zwischen allen Beteiligten und Mitte 1979 kommt es dann tatsächlich

Gunnar: zu diesem gemeinsamen Treffen dieser drei Unternehmen.

Gunnar: Und aus dieser Konstellation entsteht die sogenannte DICS-Allianz, DEC, Intel und Xerox.

Gunnar: Drei sehr unterschiedliche Firmen, aber mit einem gemeinsamen Ziel,

Gunnar: Ethernet aus der Xerox-Welt herauslösen und zu einer finalen,

Gunnar: marktfähigen Spezifikation machen.

Gunnar: Das ist ein wichtiger Schritt, denn jetzt geht es nicht nur um die gute Technik

Gunnar: und auch nicht mehr unmittelbar um Vermarktung.

Gunnar: Jetzt geht es darum, daraus einen Industriestandard zu machen.

Gunnar: Und dabei spielt ein Thema eine große Rolle, das man heute leicht übersieht,

Gunnar: nämlich das Kartellrecht.

Gunnar: Die Beteiligten haben durchaus Respekt vor dem US-Justizministerium.

Gunnar: Da gab es ja diesen IBM-Fall wegen Monopolmissbrauchs. Der steckt der Branche noch in den Knochen.

Gunnar: Also entscheidet man sich ganz bewusst dafür, dieses Ethernet nicht als proprietäre

Gunnar: Technologie von der DICS-Allianz aufzuziehen, sondern als offenen Standard anzulegen.

Gunnar: Und die Idee ist, man entwickelt gemeinsam eine Spezifikation und gibt sie dann

Gunnar: zur Standardisierung weiter an die IEEE Standards Association.

Gunnar: Das ist das Gremium, das die technischen Formen festlegt.

Gunnar: Metcalf selber, der wartet nicht ab, bis andere den Markt besetzen.

Gunnar: Der gründet am 4. Juni 1979 seine eigene Firma, die eben schon erwähnte 3Com.

Gunnar: Der Name steht für die drei Cs, Computer, Communication und Compatibility.

Gunnar: Und das ist nicht nur ein Akronym, sondern quasi gleich der ganze Geschäftsplan.

Gunnar: Metcalf setzt drauf, dass ein offener Ethernet-Standard einen riesigen Markt schaffen wird.

Gunnar: Und 3Com will dafür die Produkte liefern. Hardware, Software,

Gunnar: Server, alles, was Unternehmen für vernetzte Rechner brauchen.

Gunnar: Und bevor das funktionieren kann, muss aber erstmal die technische Grundlage stehen und am 30.

Gunnar: September 1980, also schon über ein Jahr später, ist es dann soweit.

Gunnar: Ethernet wird spezifiziert in einem Dokument, das später oft einfach das Blue Book genannt wird.

Gunnar: Und das ist noch nicht der IEEE-Standard, das ist die entscheidende DIX-Spezifikation,

Gunnar: ein Koaxialkabelnetz mit 10 Megabit pro Sekunde, 48-Bit-Adressen und all den

Gunnar: Mechanismen, die dieses Ethernet so robust und praktisch machen.

Gunnar: Jetzt fehlt nur noch der offizielle Ritterschlag durch das Gremium und da wird

Gunnar: es aber nochmal kurz schwierig.

Henner: Ethernet hat es wirklich nicht leicht. Das hatte erst bei Xerox einen schweren

Henner: Stand, das ist da nicht rausgekommen und jetzt ist es endlich draußen.

Henner: Jetzt braucht es aber eben noch diesen Standardisierungssegen und auch der lässt auf sich warten.

Henner: Denn, naja, Ethernet ist nun mal nicht alleine, denn in den 80er Jahren erkennen

Henner: so langsam alle in der Branche, dass es sinnvoll sein kann, mehrere Computer,

Henner: auch Mikrocomputer, PCs miteinander zu vernetzen und so gibt es ganz viele verschiedene

Henner: konkurrierende LAN-Technologien.

Henner: Nun landet nicht nur eins davon vor diesem IEEE-Standardisierungsgremium,

Henner: nicht nur Ethernet, sondern auch noch zwei weitere.

Henner: Und am Ende wird es vor dem Gremium drei Sieger geben. Sie werden alle drei zum Standard erklärt.

Henner: Spoiler, aber auf dem Markt setzt sich nur einer durch.

Henner: Wie kommt es zu diesem Dreikampf? Nun, bei der IEEE-SA, so heißt diese Institution,

Henner: denkt man schon länger darüber nach. Man müsste eigentlich mal einen Standard

Henner: erschaffen oder definieren für die lokale Computervernetzung.

Henner: Schon da zeichnet sich ab, dass es sehr viele verschiedene zueinander inkompatible

Henner: Technologien gibt und das läuft ja der Idee der Vernetzung zuwider.

Henner: Die einzelnen Geräte und Netze sollen ja miteinander sprechen können.

Henner: Man soll ein bisschen Ordnung bringen in dieses Chaos und so beginnt man schon

Henner: 1979 darüber zu diskutieren und im März 1980 konstituiert sich dann auch ganz

Henner: formell das IEEE-Komitee Nummer 802.

Henner: Das ist so, dass dort alle Arbeitsgruppen, also alle Komitees,

Henner: die einen Standard ausbrüten sollen, durchnummeriert werden und so fällt einfach

Henner: zufällig die Nummer 802 auf diese LAN-Technik.

Henner: Ich habe irgendwo auch die Behauptung gelesen, diese Nummer entspreche dem Datum,

Henner: also das Jahr 1980, zweiter Monat, aber das ist falsch.

Henner: Es ist einfach nur eine durchlaufende Nummer, die zufällig dem Datum ähnelt,

Henner: aber es ist ja nicht mal der Februar, sondern der März, in dem dieses Komitee

Henner: konstituiert wird und das Komitee hat einen klaren Auftrag, finde einen Standard

Henner: für die Computervernetzung.

Henner: Aber das ist noch völlig technologieoffen.

Henner: Da steht also keineswegs fest, dass das am Ende Ethernet oder irgendwas anderes wird.

Henner: Nun können also verschiedene Unternehmen oder Konsortien ihre Spezifikationen,

Henner: ihre Technologien einreichen.

Henner: Und dabei ist natürlich auch die Dix-Allianz. Die hat ja im September 1980 ihre

Henner: Ethernet-Spezifikation fertiggestellt und die legt sie nun dem Gremium als Kandidat

Henner: für die Standardisierung vor, für diesen 802-Standard.

Henner: Aber Dix bleibt nicht allein, denn da gibt es ja noch einen großen Player auf

Henner: dem Computermarkt, der es gewohnt ist, selbst Standards zu definieren,

Henner: nach denen sich alle anderen richten müssen. Und das ist IBM.

Henner: IBM kann oder will es sich nicht leisten, großen Konkurrenten hier das Feld zu überlassen.

Henner: DEC ist ein besonders großer Konkurrent auf dem Minicomputermarkt und Xerox

Henner: ist auch ein Technologiekonkurrent.

Henner: Und dass die gemeinsame Sache machen und jetzt hier einen Standard definieren,

Henner: das kann IBM natürlich nicht zulassen und unterbreitet ebenfalls dem 802-Komitee

Henner: einen eigenen Vorschlag.

Henner: Allerdings haben sie noch gar keinen fertigen Vorschlag in der Schublade,

Henner: den sie jetzt vorlegen könnten.

Henner: Keine fertige Spezifikation, sondern nur das Versprechen eines Vorschlags. Eine vage Idee.

Henner: Das wiederum, ich sagte es ja vorhin schon, ist zumindest die Darstellung von Metcalf.

Henner: IBM selbst sieht das vielleicht noch ein bisschen anders. Aber Metcalf sagt,

Henner: natürlich hatten sie kein Netzwerk.

Henner: Sie brauchten eines, also haben sie gelogen. Und einfach behauptet, sie hätten eins.

Henner: Sie werden dann später auch eine eigene Technologie vorlegen und das ist eine

Henner: eigene Umsetzung der Idee Token Ring, die wir vorhin schon mal angesprochen

Henner: haben, also diese Ring-Topologie des Cambridge Rings.

Henner: Daran arbeitet eine IBM-Forschungseinrichtung in der Schweiz,

Henner: aber die ist noch lange nicht fertig und so zieht sich das mit dem Token Ring

Henner: auch noch eine Weile hin.

Henner: Nun, also Token Ring, wie gesagt, basiert auf dem Cambridge Ring von 74 und

Henner: hat diesen ringförmigen Rechnerverbund.

Henner: Und der wesentliche Unterschied zum Ethernet mit seiner Bustopologie,

Henner: wo alle Stationen gleichberechtigt über eine gemeinsame Leitung senden können,

Henner: herrscht hier im Token Ring viel striktere Kontrolle.

Henner: Hier darf jede Station, jeder angeschlossene Rechner, jeder Drucker nur dann

Henner: Daten senden, wenn er die Berechtigung dazu hat. Nicht alle gleichzeitig,

Henner: nicht alle durcheinander sabbeln, sondern nur derjenige, der gerade den sogenannten

Henner: Token hat, darf Daten senden.

Henner: Das ist ein bestimmtes Signal, eine Art Zugriffsmarker.

Henner: Besser kann man das Wort Token nicht wirklich übersetzen.

Henner: Und dieser Token, der wird in diesem Rechnerkreis von einer Station zur nächsten

Henner: immer weiter gereicht. Das heißt, er kreist also und wenn eine Station nun Daten

Henner: senden will, dann behält sie

Henner: den ein, sie fängt den Token und ersetzt ihn dann durch ein Datenpaket.

Henner: Das wird dann rumgeschickt und wenn das Datenpaket sein Ziel gefunden hat,

Henner: dann wird ein neuer Token freigesetzt und beginnt wieder zu zirkulieren,

Henner: bis er wieder eingefangen wird.

Henner: Dieses Token-System verhindert ganz elegant, dass mehrere Stationen gleichzeitig senden.

Henner: Es gibt also keine Kollision von Datenpaketen.

Henner: Die Übertragung, sagt man auch, ist hier deterministisch.

Henner: Man kann also vorhersehen und ungefähr berechnen, wann welche Daten wo eintreffen werden.

Henner: Das ist bei Ethernet in der Form nicht möglich. Dafür ist diese Technik natürlich

Henner: viel aufwendiger und sie ist teurer und durch diese Ring-Topologie auch schwerer

Henner: zu warten als der Ethernet-Bus.

Henner: Token Ring ist also der zweite Kandidat auf diesen 802-Standard neben Ethernet, aber nicht der einzige.

Henner: Es gibt da noch einen dritten Mitbewerber, eine weitere Technik,

Henner: die standardisiert werden will.

Henner: Und die stammt von einem Unternehmen, das man eher weniger erwartet auf dem Computermarkt.

Henner: Nicht von IBM, nicht von einem anderen Computerhersteller, sondern von General

Henner: Motors, dem damals weltgrößten Autohersteller.

Henner: Die behaupten von sich, ja, wir sind vielleicht keine Computerspezialisten, aber wir sind Anwender.

Henner: Wir haben hier riesige Computernetzwerke in unseren Büros und Fabriken.

Henner: Wir kennen uns bestens damit aus, was so ein Netzwerk leisten können muss und

Henner: was in der Praxis funktioniert. Und deswegen bringt GM hier einen eigenen Vorschlag

Henner: mit ein zur Standardisierung und deren Vorschlag heißt Token Bus.

Henner: Das ist also eine Mischung aus der Bus-Topologie von Ethernet und dem Token Ring Prinzip.

Henner: Und ja, das vermischt auch beide Technologien miteinander. Das geht zurück auf

Henner: das Arknet von 1977, also auch keine ganz neue Idee.

Henner: Hier haben wir eine Bus-Struktur wie beim Ethernet, also eine lange Kette von

Henner: Rechnern, keinen Kreis. aber es wird trotzdem das Tokensystem eingesetzt aus dem Token Ring.

Henner: Nur, dass die Stationen hier keinen physischen Kreis bilden,

Henner: sondern nur einen virtuellen Ring.

Henner: Trotzdem, hier schickt jeder Rechner in einer festgelegten Reihenfolge diesen

Henner: Token immer an die nächste Station und nur wer den Token gerade hat, darf Daten senden.

Henner: Das also sind die drei Technologien, die jetzt miteinander wetteifern um die

Henner: Standardisierung bei der IEISA.

Henner: Es beginnt also der Kampf der Systeme.

Gunnar: Metcalf nennt diese folgende Phase später das Höllenjahr. Und man versteht auch sofort, warum.

Gunnar: Im Komitee mit der Nummer 802

Gunnar: kann man sich nämlich nicht auf einen gemeinsamen Lahnstandard einigen.

Gunnar: Es gibt zu viele Interessen, zu viele technische Lager, zu viele große Firmen

Gunnar: mit eigenen Vorstellungen.

Gunnar: Und dann findet das Komitee eine Lösung. Wenn man sich nicht auf eine Technik

Gunnar: einigen kann, dann standardisiert man eben mehrere.

Gunnar: Und diese Arbeitsgruppe wird also aufgeteilt. Aus dem einen großen Streitfall

Gunnar: werden mehrere Teilgruppen und tatsächlich

Gunnar: bekommen am Ende alle drei konkurrierenden Ansätze ihren Platz.

Gunnar: Die Gruppen 802.1 und 802.2 kümmern sich um grundlegende Fragen,

Gunnar: um gemeinsame Regeln und Protokollthemen.

Gunnar: 802.3 arbeitet mit der Unterstützung von Metcalf am Ethernet des Dix-Konsortiums,

Gunnar: das in der Zwischenzeit auch schon die leicht verbesserte Version 2.0 vorgelegt hat.

Gunnar: Und parallel dazu beschäftigt sich die 8024 mit dem Token-Bass und die 8025 mit dem Token-Ring.

Gunnar: In dem Ethernet-Gremium geht die Arbeit schneller voran als in den anderen beiden

Gunnar: Gruppen, aber das ist der Industrie selber noch nicht schnell genug.

Gunnar: Denn während die Ausschüsse noch über Details streiten, entscheidet der Markt

Gunnar: längst, dass er Produkte will und braucht.

Gunnar: Und 1982, mitten in den laufenden Diskussionen über technische Feinheiten hinter

Gunnar: den Kulissen, veröffentlicht eine Allianz aus 24 Unternehmen eine gemeinsame

Gunnar: Erklärung, dass sie Ethernet-Produkte jetzt einführen will.

Gunnar: Und darunter sind nicht nur die drei Dix-Firmen, sondern auch Hewlett-Packard,

Gunnar: der Druckerhersteller HP.

Gunnar: Und das ist ein starkes Signal. Viele warten gar nicht mehr auf das offizielle

Gunnar: Siegel durch die IEEI, sondern gehen gleich los.

Gunnar: Und 3Com macht es vor. Metcalfs Firma bringt schon 1981 mit dem 3C100 einen

Gunnar: ersten Ethernet-Transceiver auf den Markt. Und da ist das Internet praktisch

Gunnar: schon in der Welt, bevor die formale Standardisierung überhaupt abgeschlossen ist.

Gunnar: Im Juni 1983 zieht die IEEI danach, rund zehn Jahre nach der Erfindung im Xerox-Park,

Gunnar: die 802.3 wird offiziell verabschiedet und das ist wichtig,

Gunnar: weil das Ethernet da zwar nicht erst beginnt, sondern weil es der Technik jetzt

Gunnar: die große institutionelle Legitimität gibt.

Gunnar: Die erste standardisierte Ethernet-Generation heißt nun 10Base5.

Gunnar: Die 10 steht für die maximale Datenrate von 10 Megabit pro Sekunde,

Gunnar: die 5 für die maximale Segmentlänge von 500 Metern.

Gunnar: Das ist die Ära des dicken Koaxialkabels. Wir erinnern uns, das ist ziemlich

Gunnar: steif, fast ein Zentimeter dick und an beiden Enden mit Terminatoren abgeschlossen.

Gunnar: Und wer einen Rechner anschließen will, der klingt sich mit diesem Vampirbiss

Gunnar: ein. Allein der Begriff sagt ja schon, wie handfest und mechanisch das alles damals noch war.

Henner: Ja, allerdings kann ich bestätigen.

Gunnar: Meine Herren, bis zu 100 Stationen können an so einem Segment hängen.

Gunnar: Und das eigentlich Bemerkenswerte ist, zu dem Zeitpunkt ist Ethernet aber schon

Gunnar: in der Computerwelt angekommen, auch ohne Standardisierung.

Gunnar: Die Norm bestätigt also in gewisser Weise nur noch, was die Praxis längst entschieden

Gunnar: hat, auch auf dem IBM-PC, obwohl IBM davon gar nichts wissen will.

Henner: Ja, und wir müssen jetzt mal ein bisschen über IBM sprechen.

Henner: Die sind ja nun mal nicht zu ignorieren mit ihrer Marktmacht.

Henner: Und nun könnte man meinen, IBM hat da jetzt doch noch so ein Ass im Ärmel,

Henner: das heißt IBM PC, der ja im Herbst 1981 auf den Markt kommt.

Henner: IBM könnte doch jetzt einfach dieses fulminante Gerät, diesen neuen Industriestandard

Henner: nutzen, um ihre eigene Netzwerktechnik zu etablieren.

Henner: Also einfach den IBM PC mit einer Token Ring Karte ausliefern und schon ist

Henner: ein neuer Industriestandard geboren, dann haben die anderen gar keine Chance.

Henner: Aber das macht IBM nicht.

Henner: Das dauert erschreckend lange, bis IBM überhaupt irgendeine Netzwerklösung für

Henner: den IBM PC auf den Markt bringt.

Henner: Eine sehr verworrene Geschichte. Also der IBM PC, das Modell 5150,

Henner: kommt im Herbst 81 auf den Markt.

Henner: Und da gibt es auch eine Menge Zubehör von Drittherstellern sowieso,

Henner: aber auch von IBM selbst.

Henner: Ein Modem zum Beispiel, die berühmte Gameport-Joystick-Karte gibt es.

Henner: Aber was es nicht gibt, ist eine Netzwerkkarte.

Henner: Und das bleibt auch so für mehrere Jahre sogar.

Henner: Obwohl doch jedem klar sein sollte, dass es riesiges Potenzial gibt in der Vernetzung

Henner: mehrerer PCs. Hallo LAN-Party, sie ist so nah.

Henner: Nun, wann also bringt IBM endlich einen eigenen PC-Netzwerkadapter raus?

Henner: Darüber wird in der Presse damals sehr viel spekuliert. Ich fand viele Artikel

Henner: zu diesem Thema, die sich mit dieser Frage befasst haben.

Henner: Da gab es zum Beispiel ein Magazin namens Datamation und das nennt diesen unangekündigten

Henner: Netzwerkadapter im Januar 84 das, Zitat, am meisten spekulierte Produkt des Jahrzehnts.

Henner: Und das PC-Mac berichtet auch im Juli 84 über dieses Mysterium und die befragen

Henner: dort einige Marktforscher. Woran liegt das?

Henner: Warum braucht IBM so lange, um einen eigenen Netzwerkadapter für den PC rauszubringen?

Henner: Und dieser Marktforscher, der antwortet nun, IBM plane hier den ganz großen

Henner: Wurf, die wollen neben ihren PCs auch noch ihre Großrechner vernetzen,

Henner: also alles mit einer Technik verbinden und diese Anpassung, die koste eben Zeit.

Henner: Und dann gibt es einen anderen schlauen Analysten, der meint,

Henner: ja, IBM zögert, weil die um ihr Kerngeschäft fürchten.

Henner: Die meinen, wenn zu viele Leute ihre billigen PCs vernetzen,

Henner: dann hätte man einen Rechnerverbund, der so stark ist, so leistungsfähig,

Henner: dass er den Großrechnern Konkurrenz macht und dann kauft niemand mehr ein Mainframe von IBM.

Henner: Also die wollen gar keinen Netzwerkadapter rausbringen.

Henner: Nun, also es weiß niemand so genau, warum IBM so lange braucht.

Henner: Deswegen habe ich einfach mal bei IBM nachgefragt oder vielmehr bei einem IBM-Veteranen,

Henner: der damals in der PC-Abteilung gearbeitet hat, Dr. Dave Bradley.

Henner: Und der sagt selbst, er habe von Netzwerken nicht allzu viel Ahnung,

Henner: aber er hat einen weiteren ehemaligen IBM-Veteranen befragt,

Henner: der damals im Token Ring Team gearbeitet hat. Und der wiederum meinte...

Henner: Ja, IBM wollte eigentlich viel früher auf den Markt kommen mit einer eigenen

Henner: Netzwerklösung für den PC.

Henner: Die hatten auch jemanden damit beauftragt. Das war keine Inhouse-Entwicklung,

Henner: sondern Texas Instruments sollte für sie einen Controller-Chip entwerfen für

Henner: ihr Token Ring-Netzwerk.

Henner: Aber Texas Instruments ist nicht fertig geworden.

Henner: Die brauchten zu lange und deswegen hat IBM dieses Projekt wieder Inhouse geholt

Henner: und musste mit großer Verspätung die Entwicklung selbst übernehmen.

Henner: Deswegen diese Verzögerung. Nun, was auch immer der entscheidende Grund gewesen

Henner: sein mag, die Branche ist damals nicht so begeistert davon, dass IBM zögert,

Henner: denn es warten doch viele Marktteilnehmer drauf,

Henner: dass der Konzern mit seiner Marktmacht endlich einer dieser konkurrierenden

Henner: Technologien zum Durchbruch verhilft.

Henner: Wahrscheinlicher Token Ring, das IBM ja zum Standard erkoren haben will. Aber das kommt anders.

Henner: Im April 1984 kündigt IBM endlich ein eigenes PC-Netzwerk an.

Henner: Aber es ist nicht Token Ring.

Henner: Es ist PC Cluster, von dem ihr alle noch nie gehört habt.

Henner: Ein Netzwerk, das bis zu 64 PCs verbinden kann, den PC, aber auch den neuen

Henner: PC Junior, dieses Einstiegsmodell, das ja bekanntlich den Heimcomputermarkt erobert hat.

Henner: PC Cluster entsteht laut Bradley damals in der PC-Abteilung bei IBM,

Henner: obwohl es ja eigentlich eine richtige spezialisierte Netzwerkabteilung gibt.

Henner: Und PC Cluster sieht Ethernet erstaunlich ähnlich.

Henner: Das setzt auf ein Koaxialkabel mit Bus-Topologie, das hat Carrier-Sense,

Henner: Kollisionsvermeidung, das kommt uns alles ziemlich bekannt vor.

Henner: Und besagter Token-Ring-Entwickler nennt diese Lösung daher auch im Grunde IBMs

Henner: proprietäres Ethernet.

Henner: PC Cluster ist ziemlich günstig, das soll ja auch die PC Junior Nutzer ansprechen,

Henner: die 5, aber das erreicht nur 375 Kilobit pro Sekunde und damit ist es wirklich

Henner: nicht konkurrenzfähig und wird sehr schnell wieder vergessen,

Henner: heute ist es fast unmöglich darüber noch irgendetwas rauszufinden.

Henner: Das liegt auch daran, dass IBM damals sehr schnell schon einen zweiten Versuch startet.

Henner: Ja, eine neue Netzwerktechnik im August 1984, vier Monate später.

Henner: Das ist jetzt aber endlich Token Ring, oder?

Henner: Nee, jetzt kommt PC Network. IBM ist bei der Namensfindung echt nicht so kreativ wie Metcalf.

Henner: PC Network ist keine Eigenentwicklung, sondern entsteht gemeinsam mit einem

Henner: Startup mit der Firma SciTech. Und Barry Feigenbaum, damals bei IBM,

Henner: hat mir dazu gesagt, wir hatten einfach nicht das nötige Wissen über Breitbandtechnik.

Henner: PC Network setzt genau wie PC Cluster auf eine Bus-Topologie mit einem Koaxialkabel,

Henner: also auch Ethernet recht ähnlich.

Henner: Und die Datenrate ist hier etwas höher, die steigt auf 2 Megabit.

Henner: Das ist das, was IBM Breitband nennt.

Henner: Aber das erhöht auch den technischen Aufwand und deshalb ist PC Network deutlich

Henner: teurer als der Cluster und auch teurer als das etablierte Ethernet.

Henner: Naja, zumindest kommt PC Network damals etwas besser an als der Vorgänger,

Henner: das ist aber auch keine Kunst.

Henner: Das PC Magazine schreibt im November 1984, das sei das beste Netzwerk, das der PC je sah.

Henner: Vor allem eben im Vergleich mit PC Cluster, das, wie der Artikel schreibt,

Henner: nicht mal IBM als echtes Netzwerk bezeichnen wolle.

Henner: Das ist einfach nicht viel mehr als ein PC-Haufen. Kompatibel sind diese beiden

Henner: Systeme untereinander nicht, weshalb sich die Presse dann auch fragt,

Henner: welche LAN-Strategie verfolgt IBM hier überhaupt und das wird noch undurchsichtiger

Henner: durch eine dritte Netzwerktechnik,

Henner: die ja schon lange bei IBM in Arbeit ist und auch schon mal vage angekündigt

Henner: wurde, natürlich das Token Ring Netz.

Henner: Und das kommt dann auch im Oktober 1985.

Henner: IBM Token Ring, das verbindet nicht nur PCs, sondern auch, wie dieser Analyst

Henner: es vermutet hat, Mainframe Computer, das nutzt eine Stern-Topologie und Twisted-Pair-Kabel.

Henner: Das ist also eigentlich gar kein Ring, es ist nur ein logischer,

Henner: aber kein physischer Ring. Eine ziemlich moderne Lösung und die wird kurz danach

Henner: auch zur Basis des internationalen IEEE Standards 802.5.

Henner: So, nun gibt es also drei verschiedene LAN-Systeme von IBM, entwickelt von drei verschiedenen Teams.

Henner: Und natürlich stellt man sich jetzt die Frage, hat auch irgendwer ans Spielen

Henner: über LAN gedacht? Zumindest stelle ich mir diese Frage.

Henner: Und ich habe sie auch meinen Interviewpartnern gestellt und die Antwort lautet,

Henner: ja. Zumindest hat mir Barry Feigenbaum bestätigt, dass dieser Einsatz,

Henner: also das Spielen übers LAN, durchaus erwogen wurde für PC-Network.

Henner: Umgesetzt hat es aber keiner, ist ja schließlich IBM, die sind zu seriös für sowas.

Henner: Welches von denen hat sich durchgesetzt? Nun für ein paar Jahre zumindest Token Ring.

Henner: Aber gegen Ethernet hat das trotzdem einen schweren Stand.

Henner: Token Ring ist teuer und schafft nur 4 Megabit pro Sekunde, Ethernet schafft

Henner: 10. Und Ethernet, ja, das gibt es vielleicht nicht bei IBM, aber von anderen Herstellern.

Gunnar: Und wer macht das? 3Com. 3Com erkennt nämlich ziemlich früh,

Gunnar: wo der Massenmarkt entstehen wird, eben beim IBM PC.

Gunnar: Und der entwickelt sich ja dann in den 80ern auch zur dominanten Plattform.

Gunnar: Also wenn das Ethernet groß werden soll, dann muss es genau dahin und deswegen liefert 3Com auch.

Gunnar: Bereits im Herbst 1982 bringt die Firma eine Ethernet-Karte für den IBM-PC auf

Gunnar: den Markt, die Etherlink, eine ISA-Karte mit 10 Megabit pro Sekunde für 950 US-Dollar.

Gunnar: Das ist aus heutiger Sicht einigermaßen viel Geld für eine Netzwerkkarte.

Henner: Ja.

Gunnar: Aber im damaligen Kontext ist das ein wichtiger Schritt in Richtung Alltagstauglichkeit.

Gunnar: 3Com verkauft nicht nur die Karte, sondern auch gleich noch eine passende Infrastruktur,

Gunnar: etwa einen Datei- und Druckserver namens IdaShare.

Gunnar: Und in der Fachpresse wird das durchaus so wahrgenommen.

Gunnar: Die Zeitschrift Interface Age schreibt damals sinngemäß, mit der IdaLink-Karte

Gunnar: wird Ethernet endlich bezahlbar.

Gunnar: Und das ist ein wichtiger Punkt, denn damit klärt sich langsam die Hardware-Frage.

Gunnar: Ethernet wird mehr und mehr zu einer gemeinsamen physischen Basis,

Gunnar: auf die die verschiedenen Hersteller aufspringen können.

Gunnar: Die Fachzeitschrift Microsystems sieht darin schon 1984 sehr klar die Zukunft des Standards.

Gunnar: Ethernet schafft die einheitliche Hardwaregrundlage und das ist deshalb so bedeutend,

Gunnar: weil viele andere LAN-Lösungen eben an Herstellerwelten gebunden sind.

Gunnar: Das Decknet an Deck, das Wangnet an Wang und so weiter.

Gunnar: Und selbst bei den vielen LAN-Angeboten für den IBM PC gilt oft,

Gunnar: die funktionieren am besten mit ähnlichen Systemen.

Gunnar: Ethernet verspricht was anderes, nicht ein Netz für einen Hersteller,

Gunnar: sondern eine gemeinsame Basis für viele.

Gunnar: Aber, und das ist jetzt der entscheidende Haken, mit der Hardware allein ist

Gunnar: das Netzwerk ja noch nicht fertig.

Gunnar: Das Netz braucht ja nicht nur Kabel und Karten, sondern auch Regeln dafür,

Gunnar: wie die Rechner tatsächlich Daten austauschen, also ein Transportprotokoll auf

Gunnar: der Softwareseite. Und genau da herrscht Anfang der 80er noch ein ziemliches Durcheinander.

Gunnar: Die eben schon erwähnte Zeitschrift Microsystems formuliert das damals sehr

Gunnar: treffend und sagt, für Käufer werde die Sache ja zusätzlich kompliziert,

Gunnar: weil es noch keine festen Standards dafür gäbe, mit welchen Methoden,

Gunnar: also welchen Protokollen die lokalen Netzwerke eigentlich kommunizieren sollen.

Gunnar: Und da zeigt sich die Grenze von Ethernet in dieser Phase ganz deutlich.

Gunnar: Ethernet standardisiert nur die Hardware-Seite, das Übertragungsmedium,

Gunnar: die Adressierung und den Rahmen.

Gunnar: Aber es liegt nicht fest, welches Protokoll obendrauf laufen soll.

Gunnar: Das müssen andere machen.

Henner: Ja, und jetzt müssen wir noch kurz über Software sprechen.

Henner: Das ist ein Thema, das allen begegnet ist, die in den 90er Jahren mal eine LAN-Party organisiert haben.

Henner: Es ist nicht damit getan, das Netzwerk hardware-technisch aufzubauen,

Henner: die Rechner miteinander zu verknüpfen.

Henner: Sie müssen auch miteinander sprechen können und dafür muss eine gemeinsame Software-Basis

Henner: geschaffen werden. Und das sind die verschiedenen Datenprotokolle und Standards.

Henner: Und meine Güte, haben wir oft Netzwerkprotokolle nachinstalliert von der Windows-CD

Henner: und wieder deaktiviert und umkonfiguriert.

Henner: Und meine Güte, Begriffe wie IPX, SPX, NetBIOS, die sind wahrscheinlich damals

Henner: allen begegnet. Dir auch in den frühen 90ern, oder?

Gunnar: Ja, ja, in den mittleren 90ern, sagen wir mal, ja.

Henner: Ja, vieles davon geht zurück auf eine Firma namens Novell.

Henner: Das ist eine junge Firma in den frühen

Henner: 80er Jahren und die führt 1983 ein Betriebssystem ein namens NetWare.

Henner: Das ist kein klassisches PC-Betriebssystem, sondern ein reines Netzwerkbetriebssystem.

Henner: Das läuft auf speziellen Dateiservern und diese Server, die stellen ihre Daten,

Henner: die auf den Festplatten abgespeichert sind, über ein Netzwerk anderen Rechnern zur Verfügung.

Henner: Und das sind üblicherweise DOS-PCs. Das setzt sich sehr schnell durch und diese

Henner: Netware-Systeme, die erreichen bald eine marktbeherrschende Stellung.

Henner: Netware ist unabhängig von der Netzwerktechnologie, die darunter liegt.

Henner: Also das läuft auf ganz verschiedenen Netzwerk-Hardware-Systemen,

Henner: unter anderem auch auf Ethernet.

Henner: Und darüber läuft die Software-Schicht. Das sind eben die Protokolle für die

Henner: eigentliche Datenübertragung.

Henner: Und Netware nutzt damals IPX und SPX, die wie gesagt in den 90er Jahren auf

Henner: LAN-Partys auch noch durchaus relevant waren. Darauf setzen auch ziemlich viele Spiele auf.

Henner: Die sind sehr schnell und unkompliziert, einfach einzurichten,

Henner: also ideal für kleine LANs.

Henner: Im Gegensatz zum alternativen, wir kennen es TCP-IP.

Henner: Das ging aus dem ARPANET hervor und das ist deutlich aufwendiger zu konfigurieren.

Henner: TCP-IP muss aber auch viel mehr leisten. Das ist gedacht für die Verknüpfung

Henner: mehrerer Netzwerke auch über größere Strecken hinweg und ist dadurch deutlich

Henner: aufwendiger zu konfigurieren.

Henner: TCP-IP braucht ja zum Beispiel die IP-Adresse.

Henner: Sowas braucht IPX SPX nicht. Das läuft viel einfacher.

Henner: Da sprechen sich die einzelnen angeschlossenen Rechner einfach über ihre MAC-Adressen

Henner: an, die ja in der Hardware vorgegeben ist.

Henner: Und die Dominanz von diesem Network-System, Die macht IPX SPX auch für viele

Henner: Jahre zum de facto Standard auf dem PC, sowohl unter DOS als auch später unter

Henner: Windows und mit Windows for Workgroups 3.11 im Jahr 1992.

Henner: Da ist dieses Protokoll auch von Anfang an enthalten. TCP IP hingegen,

Henner: das kommt erst später, das ist erst ab Windows 95 standardmäßig dabei.

Henner: Darüber, also auf diesem Protokoll, liegt noch eine Software-Ebene und das ist

Henner: zum Beispiel in vielen Fällen damals NetBIOS.

Henner: NetBIOS ist kein Protokoll, auch weil es oft so bezeichnet wird.

Henner: Das ist eigentlich eine API, also eine Programmschnittstelle,

Henner: die nur aufsetzt auf dem Netzprotokoll.

Henner: Das kann über TCP-IP laufen. Meistens läuft es damals aber auch über IPX-SPX

Henner: und stellt der Software, die benutzt werden soll, bestimmte Netzwerkfunktionen zur Verfügung.

Henner: Also zum Beispiel die Namensauflösung, sprich wie adressiere ich andere PCs

Henner: anhand ihres Namens, auch wenn ich die MAC-Adresse nicht kenne,

Henner: oder Datenübertragung.

Henner: Solche Dienste können die Programme einfach nutzen, das heißt die Programmierer

Henner: müssen das ihrer Software nicht einzeln beibringen, das stellt dieses NetBIOS

Henner: allen Programmen zur Verfügung.

Henner: Das heißt also, die Spiele können theoretisch auch direkt auf der Protokollebene

Henner: arbeiten, wie das auch viele Spiele machen,

Henner: aber es ist viel einfacher, einfach diese einheitliche NetBIOS-Schnittstelle

Henner: dafür zu verwenden, denn das vereinfacht also den Aufbau eines frühen Netzwerkes

Henner: in den 80ern und 90er Jahren.

Henner: Und NetBIOS stammt von einer Firma, die uns schon mal begegnet ist, nämlich von Zytek.

Henner: Das ist dieses kleine Startup, das für IBM das PC-Network entwickelt hat.

Henner: NetBIOS wurde dann von IBM für Token Ring adaptiert und schließlich dann noch

Henner: von Microsoft übernommen und in Betriebssysteme integriert.

Henner: Und so wurde NetBIOS auch für viele Jahre zu einem Quasi-Standard und hat den

Henner: Aufbau eines frühen LANs für eine LAN-Party deutlich erleichtert oder auch den

Henner: Aufbau eines kleinen Büro-Netzwerks.

Henner: Aber wie gesagt, bei der LAN-Party sind wir ja leider noch nicht.

Henner: Dazu erst im zweiten Teil.

Henner: Jetzt muss Ethernet für die LAN-Party erst noch ein bisschen praktischer und

Henner: noch ein bisschen schneller werden. Und das passiert jetzt auch.

Gunnar: Denn wir sind jetzt hier ja schon zehn Jahre nach der Erfindung von Ethernet,

Gunnar: aber das ist alles immer noch erstaunlich archaisch aus heutiger Sicht.

Gunnar: Der Standard setzt weiterhin auf diese Vampirzahntechnik mit den Metallspitzen,

Gunnar: die das Koaxialkabel anbohren.

Gunnar: Und das ist ein dickes, starres Kabel. Daher heißt das 10 Base 5 auch Thicknet, das dicke Netz.

Gunnar: Und das hat was Archäologisches, wenn man das heutzutage so betrachtet.

Gunnar: Aber genau in dieser Phase zeigt sich auch eine der großen Stärken von Ethernet,

Gunnar: weil der Standard bleibt nicht stehen.

Gunnar: Das wird Schritt für Schritt praktischer, billiger und damit auch massentauglich.

Gunnar: Schon 1984 kommt TenBase 2, oft auch cheaper net genannt, das billigere Netz.

Gunnar: Der Name sagt schon einiges.

Gunnar: Die Kabel sind jetzt deutlich dünner, nur noch wenige Millimeter dick.

Gunnar: Und man braucht eben keine Vampir-Transceiver mehr, die in das Kabel beißen.

Gunnar: Stattdessen wird alles über BNC-Stecker und T-Stücke direkt an die Netzwerkkarte angeschlossen.

Gunnar: Und aus der einen großen unhandlichen Leitung wird damit eine Kette aus kürzeren Kabelstücken.

Gunnar: Und das macht den Aufbau in der Praxis deutlich flexibler.

Gunnar: Und, das ist wichtig, diese Technik ist nicht nur bei Ethernet zu sehen.

Gunnar: Auch konkurrierende Systeme setzen auf ähnliche Coax-Lösungen.

Gunnar: Also Ethernet gewinnt nicht allein dadurch, dass es die einzige praktikable

Gunnar: Technik im Markt ist, sondern weil es sich in einem Markt behauptet mit schnellen

Gunnar: Lösungen, in dem viele ähnliche Ansätze um Verbreitung kämpfen.

Gunnar: Aber bei der Geschwindigkeit bleibt 10 Base 2 bei 10 Megabit pro Sekunde.

Gunnar: Das ist ja weiterhin auch konkurrenzlos.

Gunnar: Und die maximale Segmentlänge sinkt auf knapp 200 Meter.

Gunnar: Das ist aber für die meisten Büros und für die Heimanwender natürlich völlig

Gunnar: ausreichend. Das heißt, nur wenige Leute haben ein Schloss mit langen Gängen,

Gunnar: wo man ein mehr als 200 Meter langes Segment bauen muss.

Gunnar: Also deswegen ist dann die Variante auch so erfolgreich und bleibt bis in die 90er relevant.

Gunnar: Aber auch das ist bloß eine Zwischenstation. 1991 kommt mit 10 Base T der nächste große Schritt.

Gunnar: Man geht jetzt weg vom Coaxiarkabel hin zu Twisted Pair, also diesen verdrillten Aderpaaren.

Gunnar: Und gleichzeitig ändert sich die Topologie. Statt der Busstruktur mit dem gemeinsamen

Gunnar: Kabel setzt man nun auf eine Sternstruktur mit einem zentralen Verteiler,

Gunnar: wie IBM mit dem Token Ring. Das war ja damals schon modern.

Gunnar: Und dieser Verteiler ist am Anfang zunächst ein Hub, oft und später dann auch häufiger ein Switch.

Gunnar: Und das ist im Alltag ein riesiger Fortschritt, weil die Twisted-Pair-Kabel

Gunnar: schlanker sind, leichter zu verlegen sind und unempfindlicher gegen Störungen.

Gunnar: Und auf dieser Basis geht es dann immer weiter. 100 Base TX bringt 1995 100

Gunnar: Megabit-Durchsatz und 1999 ist man bereits bei Gigabit-Internet.

Gunnar: Und dann passiert noch was Schönes in unserer Erzählung hier.

Gunnar: 1997 wird IEEE 802.11 spezifiziert und das ist WLAN.

Gunnar: Und damit kommt eine Idee zurück, die am Anfang schon hier Thema war,

Gunnar: nämlich ein geteiltes Medium im Funk. Und damit schließt sich der Kreis zurück

Gunnar: zum gloriosen Alohanet.

Gunnar: Und spätestens an diesem Punkt kann man sich die Frage stellen,

Gunnar: wenn Ethernet heute über Switches mit Punkt-zu-Punkt-Verbindungen läuft und

Gunnar: wenn Kollisionen im Alltag kaum noch eine Rolle spielen und wenn daneben Funknetze stehen,

Gunnar: ist das noch Ethernet im ursprünglichen Sinne oder?

Gunnar: Und darauf hat der Metcalf mal ganz schön geantwortet. Das sei eine metaphysische

Gunnar: Frage, Ethernet sei ein Geschäftsmodell.

Gunnar: Und gemeint damit ist, Ethernet ist nicht nur eine einzelne Technik,

Gunnar: sondern ein Standard und ein Ökosystemversprechen.

Gunnar: Mehrere Hersteller, gemeinsame Kompatibilität, laufende Weiterentwicklung und

Gunnar: es muss nicht immer alles neu erfunden werden.

Gunnar: Und gerade diese Mischung aus Offenheit und Anschlussfähigkeit macht Ethernet so stark.

Gunnar: Und das erinnert ja in gewisser Weise ein bisschen an den Erfolg des IBM PCs,

Gunnar: der ja auch mit seiner Offenheit den Markt gewonnen hat.

Gunnar: Und was nun Ethernet im philosophischen Kern wirklich ist, darüber kann man

Gunnar: streiten, aber über den Erfolg halt nicht.

Gunnar: Der Erfolg ist halt da. Anfang der 80er gibt es noch Experten,

Gunnar: die Ethernet für zu primitiv halten und dem keine große Zukunft zutrauen.

Gunnar: Aber der Markt entscheidet sich ja anders und Mitte der 80er ist Ethernet rasant

Gunnar: verbreitet worden und nur wenige Jahre später explodieren die Zahlen förmlich.

Gunnar: Und auch 3Com wächst in dieser Phase enorm und ist dabei aber ja nur einer von

Gunnar: vielen Anbietern in einem boomenden LAN-Markt.

Gunnar: Damit zeigt sich etwas sehr Grundsätzliches für die 80er. Der Computer entfaltet

Gunnar: sein eigentliches Potenzial erst dann, wenn er nicht alleine arbeitet,

Gunnar: sondern im Verbund mit anderen.

Gunnar: Und bei Menschen ist das ja, ehrlich gesagt, ganz ähnlich.

Henner: Ach, wie schön. Ja, das stimmt. Ja, jetzt ist sie da, die globale Computervernetzung

Henner: mithilfe von Ethernet und das Potenzial, das in dieser Computervernetzung steckt,

Henner: das entfaltet sich dann in den Folgejahren durch das Internet und andere Netzwerke.

Henner: Aber dieses Potenzial haben einige kluge Denker schon früher erkannt.

Henner: Ich fand da zum Beispiel ein schönes Zitat von dem Mathematiker und Philosophen John Kameny.

Henner: Das ist ein ehemaliger Assistent Einsteins und ein Miterfinder von BASIC.

Henner: Und okay, zu dem klugen Zitat komme ich gleich. Ich muss zwischendurch erstmal

Henner: die Karriere dieses Menschen würdigen, bitte.

Henner: Der Mann war mathematischer Assistent Einsteins. Stell dir vor,

Henner: du musst an der Tafel Gleichungen lösen, während dir Einstein über die Schulter guckt.

Henner: Aber nicht nur das, der hat auch mit von Neumann gearbeitet,

Henner: mit dem Nobelpreisträger Feynman.

Henner: Der war Professor mit 27 und das, obwohl er sich während seines Studiums zwischendurch

Henner: nochmal ein Jahr Auszeit genommen hat. Und weißt du, Gunnar, wofür?

Gunnar: Na?

Henner: Um ein bisschen zu jobben am Manhattan Project.

Henner: Ich meine, ich habe mir im Studium auch Auszeiten genommen, aber für Lahnpartys

Henner: und ich glaube, das liest sich im Lebenslauf besser.

Henner: Naja, zurück also zu dem Buch, was John Kameny dann auch noch geschrieben hat, 1972.

Henner: Das ist ein schönes Buch, das ich hier auch vorliegen habe. Man and the Computer.

Henner: Und darin wagt er etwas, was sehr mutig ist in der Computerbranche,

Henner: einen Ausblick auf die weitere Computerentwicklung. Und er sagt,

Henner: ja, natürlich, die werden immer schneller und kompakter, ganz klar.

Henner: Aber das Entscheidende, Mehrrechnersysteme und Computernetzwerke werden vermutlich

Henner: die wichtigsten evolutionären Entwicklungen sein.

Henner: Warum spricht er hier von Evolution? Denn er sieht ja Computer als einer Form neue Rasse.

Henner: Er sagt, der Computer entwickle sich zu einer telepathischen Rasse,

Henner: in der das Individuum in einem Gruppenbewusstsein aufgeht. Wow.

Henner: Große Worte, aber wenn sie von so einem klugen Kopf kommen, dann glaube ich ihm das einfach mal.

Henner: Metcalf selbst hat das Potenzial der Computervernetzung etwas weniger poetisch

Henner: ausgedrückt, der sagte nämlich mal, die wichtigste neue Tatsache über die menschliche

Henner: Existenz ist, dass wir verbunden sind.

Henner: Und die dahinterstehende Überzeugung ist, dass Vernetzung gut für uns ist,

Henner: dass Demokratie gedeiht und Tyrannei besiegt wird, dass Reibungen,

Henner: die Wohlstand behindern, verringert werden.

Henner: Der hat soziale Netzwerke und Desinformation wahrscheinlich nicht vorausgesehen,

Henner: aber das Potenzial, ja, das war ja da.

Henner: Also die Computervernetzung hätte uns zu einer besseren Spezies machen können.

Henner: Aber naja, ob das dazu gekommen ist oder nicht, das ist eine andere Frage,

Henner: eine vielleicht eher philosophische oder politische Frage.

Henner: Für uns bedeutet das vor allem, dass jetzt endlich das Potenzial da ist für

Henner: eine weitere, viel wichtigere Errungenschaft, die wir der Computervernetzung

Henner: verdanken, nämlich der LAN-Party-Gunner.

Henner: Jetzt ist es endlich soweit oder vielmehr, naja, beim nächsten Mal im zweiten

Henner: Teil dieser Folge zur Netzwerktechnik.

Gunnar: Ja, vielen Dank Henner, vielen Dank euch fürs Zuhören bis hierhin und bis bald auf der LAN-Party.

Henner: Ja, bis bald. Tschüss.